Koloss auf tönernen Füßen

Koloss auf tönernen Füßen: Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak


Bereits in den 50ern befand sich Peter Scholl-Latour an der koreanischen Demarkationslinie -nun ist er zurückgekehrt und aktualisiert seine Eindrücke vom «Land des stillen Morgens». Er berichtet von der amerikanischen und europäischen Außenpolitik gegenüber den beiden Koreas, Vietnam, China und dem Irak, zieht Vergleiche zur deutschen Geschichte und erläutert globale Verknüpfungen. Der Zeitzeuge erzählt von ganz privaten Erfahrungen in Kriegsgebieten, analysiert dabei jedoch auch die großen Zusammenhänge -eine Reise durch die Jahrzehnte und quer über den Globus.

Wer bei „Koloss auf tönernen Füßen“ ein ermüdendes Sachbuch erwartet, der kennt Peter Scholl-Latour nicht. Wenngleich aufgrund mancher seiner Theorien und Voraussagen umstritten (oder gar belächelt), ist der einstige ARD-Korrespondent eins sicherlich nicht: langweilig. Scholl-Latour ist weit gereist, ist in vielerlei Hinsicht Experte für globale Entwicklungen, und hat eine ganz eigene Art sein Wissen zu vermitteln. Selbstverständlich ganz objektiv und ohne «jegliche Polemik» gibt er kleine hämische Bemerkungen über Amerikaner oder Engländer zum Besten, verfällt immer wieder in liebevolle Frankophilie und verfasst ganz nebenbei eine Mini-Autobiographie. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen erzählt er sehr lebendig, lässt sich ungewöhnliche Schlussfolgerungen nicht nehmen und verzichtet hier und da gerne einmal auf politisch korrekte Äußerungen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Kim Il-sung und Kim Jung-il da zu Dämonen oder Froschgesichtern werden, Bush Selbstherrlichkeit vorgeworfen wird oder, als positives Gegenbeispiel, Madeleine Albrights «altösterreichischer Charme» gerühmt wird. Objektive oder gar wissenschaftliche Analysen sollte der Leser hier also nicht erwarten. Scholl-Latours Hang zum Abschweifen, seine Vorliebe zum Multi-Lingualen (Grundwissen Englisch/Französisch/Latein vorausgesetzt), stete Anspielungen auf seine erfolgreiche Karriere und ausführliche Hinweise auf seinen Wagemut könnten den ein oder anderen Leser jedoch abschrecken. Auch die Praxis unbequeme Aussagen über Zitate anderer zu tätigen, wirkt nicht immer gelungen. Scholl-Latour schreibt eben so, wie er redet: in einem Stil zwischen journalistisch akkurat und frei von der Leber. Doch genau das macht „Koloss auf tönernen Füßen“ zu einem informativen und amüsanten Lesevergnügen. Mit etwas Nachsicht erweist sich das Buch als wahres Highlight. Denn eins stet fest: Auch wenn Scholl-Latour es sicherlich nicht jedem recht machen kann, so hat er viel Wissenswertes angehäuft, das er hier auf unterhaltsame Weise zusammenfasst. Und dann ist es dem Leser selbst überlassen, inwieweit er Scholl-Latours Analysen folgen mag.

Die Ansprachen des «Lieben Führers» sind von einer solch schwülstigen Trivialität, dass es sich nicht einmal lohnt, sie zu zitieren. So bleibt die Ungewissheit, in welchem Umfang es diesem blässlichen, fast autistisch wirkenden Sohn und Nachfolger des zum Götzen der Nation stilisierten Übervaters gelingen kann, sich gegenüber den rivalisierenden Militärclans durchzusetzen. Das ist das unerschöpfliche Thema aller diplomatischen Spekulationen. Manche Experten neigen dazu, in King Jong-il nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu sehen, auf den sich die hohe Generalität -gestützt auf ihre Songun-Privilegien und einen ausgeprägten Selbsterhaltungsinstinkt -geeinigt hätte.

Geeignet für: alle, die vor Expertengurus nicht auf die Knie fallen

Einschätzung: Amuse-geuille

[xrr rating=4.0/5]

Autor/in: Peter SCHOLL-LATOUR

© Quelle
Verlag: Propyläen
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 2005
ISBN: 3 549 07252 X
Auszug: S. 111
Infos zum Buch
Titel: Koloss auf tönernen Füßen – Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak
Autor/in: Peter Scholl-Latour
Genre: Sachbuch
Thema: Politik / Weltpolitik / Nordkorea
Kategorie: Buchkritik / Korea

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