Lucia Jang: Ich bat den Himmel um eine Leben

Ich bat den Himmel um ein Leben

Nordkorea ist das Land ihrer Träume — in diesem Glauben wächst Lucia Jang auf. Doch als die ohnehin spärlichen Lebensmittelrationen immer seltener werden und das Land in eine riesige Hungersnot hineinschlittert, beginnt Lucia Jangs schicksalhafte Odyssee. Sie übersteht Missbrauch, Hunger, Menschenhandel und Haftstrafen, um schließlich mit ihrem neugeborenen Sohn aus Nordkorea zu flüchten…

Kritik zu Lucia Jang „Ich bat den Himmel um ein Leben: Eine Mutter erzählt ihre Flucht aus Nordkorea“

Lucia Jangs Schicksal steht für das vieler Frauen aus Nordkorea. Sie wächst in den 70ern in einer typischen nordkoreanischen Familie auf: Es herrscht das Patriarchat, das Leben der Frauen liegt in der Hand ihrer Männer. Als Kind vergöttert Lucia Jang den großen Führer und „Gottvater“ Kim Il-sung, von dem jede Familie ein Bild im Haus hängen hat, das stets abgestaubt sein muss.

In den 90ern schlittert Nordkorea in eine riesige Hungersnot. Der Bevölkerung wird weisgemacht, dieser „schwere Marsch“ sei eine Probe, also versucht auch Lucias Familie ihr Möglichstes, um zu überleben. Sie gehen in die Berge und essen Gras, als die Lebensmittelrationen immer weniger werden und schließlich ganz ausbleiben. Lucia Jang berichtet von kleinen Handelsgeschäften, die natürlich eigentlich verboten sind. Auch erzählt sie von Missbrauch und dem Verlust ihres ersten Sohnes — ein Trauma, dass ihr Leben fortan bestimmt. Lucia Jang überquert unter Lebensgefahr den Fluss Tumen, um nach China zu kommen. Dort tauscht sie Fisch und Hunde, die man in Nordkorea noch bekommen kann, gegen Reis und kehrt damit zurück zu ihrer Familie.

Dann fällt Lucia Jang jedoch einen schwerwiegenden Entschluss: Sie begibt sich in die Hände von Menschenhändlern, lässt sich verkaufen und verheiraten, um ihrer Familie regelmäßig Essen schicken zu können. Die Angst bleibt jedoch, von der chinesischen Polizei erwischt zu werden und schlussendlich landet sie auch in einem nordkoreanischen Gefängnis. Ihre Odyssee ist jedoch längst nicht vorbei. Irgendwann steht sie vor der Wahl: Ihren zweiten Sohn zu verlieren oder Nordkorea ganz zu verlassen — ihre Wahl ist offensichtlich…

Ein nordkoreanisches Flüchtlingsschicksal

Die Lebensgeschichte von Lucia Jang ist erschreckend und faszinierend zugleich. Sie ist ein perfektes Beispiel dafür, wie stark und leidensfähig Frauen sein können. Doch obwohl „Ich bat den Himmel um ein Leben“ inhaltlich sehr beeindruckend ist, ist die Form des Buches nicht unbedingt optimal gewählt. Lucia Jang erzählt in dem Buch aus ihrer Perspektive mit der Hilfe der kanadischen Journalistin Susan McClelland. Es gibt kleinere Zeitsprünge, die keinen Sinn ergeben und fehlende Referenzen, die den Leser immer wieder aus dem Lesefluss reißen. Zudem fehlen einige Hintergründe, die Lucia Jangs Geschichte noch beeindruckender machen. So legte sie z.B. über 400 Kilometer als ausgehungerte Hochschwangere zurück, um zu ihrem Onkel in die Berge zu kommen.

Auch ihr Schock, dass man in China sogar Hunde mit wertvollem Reis füttert, kommt nicht gut heraus. Verwirrend kann u.a. sein, dass Häftlinge sich in die Küche des Gefängnisses schleichen können, oder dass Frauen so selten waren beim Militär. Heutzutage kennt man die Beschreibungen von politischen Gefangenen, die noch viel schärfer sind als die Beschreibungen der Zustände in „Ich bat den Himmel um ein Leben“. Zudem sind Frauen seit Beginn 2015 zum Militärdienst verpflichtet, konnten sich aber schon früher freiwillig für sieben bzw. zehn Jahre verpflichten. Daher wären entsprechende Anmerkungen und intensivere Betrachtungen vielleicht hilfreich gewesen, um das volle Ausmaß dieser bewegenden Lebensgeschichte erfassen zu können. Dazu wäre eine analytischere Form, wie in „Flucht aus Lager 14“ wohl passender.

Während „Flucht aus Lager 14“ jedoch die ganze Härte des Regimes beschreibt, konzentriert sich „Ich bat den Himmel um ein Leben“ auf eine persönlichere, typischere Flüchtlingsperspektive, die auch viele gesellschaftliche Hintergründe preisgibt — auch wenn man sich hier ein paar mehr Details wünschen würde. Dennoch eine klare Empfehlung für alle, die sich mit Nordkorea, Frauenrechten und Schicksalsgeschichten auseinandersetzen.

Eines Tages verkündete mir mein neuer Chef, dass ich befördert werden sollte. Ich würde jetzt im selben Team wie Myungin sein und eine andere Gruppe von Arbeitern beaufsichtigen. „Wir glauben, dass eine alleinstehende Frau und ein alleinstehender Mann, die zusammenarbeiten, viel härter arbeiten“, sagte er, „um sich gegenseitig zu zeigen, welch gute Kameraden sie sind“.
„Er ist also alleinstehend“, dachte ich und seufzte.

Infos zum Buch
Lucia Jang mit Susan McClelland
Ich bat den Himmel um ein Leben – Eine Mutter erzählt ihre Flucht aus Nordkorea
Knaur, 2015
978 3 426 78739 7

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