Der ferne Garten

Der ferne Garten

Oh Hyunuh wurde in den 80er Jahren als Staatsfeind zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt und kann nach 17 Jahre im Gefängnis endlich wieder in Freiheit leben. Doch die Welt ist inzwischen eine andere – es ist 1999 und Korea hat sich in vielerlei Hinsicht gewandelt. Seine ehemalige Geliebte Yunhi ist bereits verstorben, doch Hyunuh zieht es nach Galmö, wo er sechs Monate mit ihr verbracht hat. Anhand von Briefen und Yunhis Tagebüchern erfährt er von ihrer Arbeit für den Untergrund und seiner Tochter. Hyunuh erlebt noch einmal die Zeit vor seiner Inhaftierung…

Ein bewegendes Stück koreanische Literatur hat Hwang Sok-yong mit „Der ferne Garten“ geschaffen. Seine eigenen Erfahrungen als politischer Gefangener hat er meisterhaft mit dem Hintergrund der Studentenunruhen verwoben. In Form von Erzähltem, Rückblenden und Briefen gibt er dem Leser tiefe Einblicke in die koreanische Gesellschaft und einer Geschichte, die viele westliche Leser nur marginal kennen.

Im stets flackernden Neonlicht vegetiert der «Gesellschaftsverschmutzer» Oh Hyunuh dahin, weil er sich für mehr Demokratie eingesetzt hat. Und auch nach seiner Freilassung wird er immer noch vom System kritisch überwacht – Bezüge zur deutschen Geschichte sind gewollt und pointiert gesetzt. Lediglich das Ende ist etwas enttäuschend: Ein etwas ausschweifender Teil über Yunhis Zeit in Berlin verdrängt ein wenig die Geschichte von Hyunuh und passt nicht ganz zum Rest des Buches. Das schadet dem Gesamtwerk aber kaum, so dass jeder Ostasienliebhaber in den fernen Garten in Galmö zumindest einmal einkehren sollte…

Hyesun hatte sich hingehockt und ihm ein großes Bündel Flugblätter übergeben. Dokhwa zog ebenfalls seine im Hemd versteckten Flugblätter heraus. Weil sie sich nicht sicher war, hielt Hyesun kein Taxi an, sondern sah ihm gespannt hinterher. Dokhwa schien einen Moment lang mit gesenktem Kopf die untere Treppe zu beobachten. Dann warf er das ganze Bündel und rannte los, ohne sich noch einmal umzusehen. Als Hyesun nachsah, lag das Bündel Flugblätter unverstreut mitten auf der Treppe. Dort hätten es Fußgänger aufsammeln und direkt zur Polizei bringen können. Ohne groß nachzudenken, lief Hyesun los und warf die Flugblätter in hohem Bogen die Treppe hinab. Zum Glück waren nicht sehr viele Passanten unterwegs. Wieder auf der Straße, sah sie in jene Richtung, in die Dokhwa gerannt war, konnte ihn aber nirgends entdecken. Sie stürzte sich ins nächste Taxi und fuhr damit weiter in Richtung der Uljiro-Straße.

Geeignet für: Idealisten und Nestbeschmutzer

Einschätzung: Geschichtsschreibung trifft Realität

[xrr rating=4.0/5.0]

Infos
dtv premium
Taschenbuch
2005
3 423 24460 7
S. 114

0
HerzenHerzen
0
HahaHaha
0
Große LiebeGroße Liebe
0
WowWow
0
YayYay
0
TraurigTraurig
0
MähMäh
0
WütendWütend
Danke fürs Wählen!

Kommentar verfassen