Kyung-Sook Shin: Als Mutter verschwand

Als Mutter verschwand

Und plötzlich war sie weg! Als die 69-jährige So-nyo am Bahnhof von Seoul von ihrem Ehemann getrennt wird, fällt dies ihrem Gatten erst gar nicht auf. Als es schließlich auffällt, ist es zu spät. So-nyo ist verschwunden und es beginnt eine fieberhafte Suche. Ihre Kinder, die sie eigentlich von Bahnhof hätten abholen sollen, müssen nun erfahren, was sie in ihrem Leben alles falsch gemacht haben. Und auch So-nyos Mann begreift nun endlich, was er an seiner Frau eigentlich hatte. Die Suche nach einer Mutter, Ehefrau und sich selbst…

„Als Mutter verschwand“ ist die einfühlsame Suche nach dem, was im Leben wirklich zählt. Anhand der Familienmitglieder erzählt Kyung-Sook Shin aus deren Perspektive rückblickend die Lebensgeschichte der 69-jährigen Landfrau So-nyo. Das Leben hat es nicht unbedingt wohlwollend mit ihr gemeint und mit modernen Entwicklungen ist sie überfordert. Ehemann und Kinder nehmen sie als „gegeben“ hin. Wertschätzung fehlt meist. Und schließlich kommt die Erkenntnis, dass man die eigene Mutter, die eigene Ehefrau vielleicht gar nicht richtig kannte. Die wechselnde Erzählperspektive ermöglicht es dem Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden über das, was hier geschehen ist. Und sie ermöglicht es dem Leser, diese Meinung auch zu revidieren – nachdem er einen privaten Blick auf die Sicht der einzelnen Protagonisten werfen konnte. Das Buch ist erzähltechnisch sehr schön strukturiert und liefert dabei auch sehr emotionale Momente. Eine sehr schöne Familiengeschichte, die bewegt und nachdenklich macht.

Bevor Mama zum ersten Mal in ihrem Leben für ein Buch bezahlte, das kein Schulbuch war, musterte sie es.
„Brauchst du das wirklich?“
Du nicktest schnell, weil du Angst hattest, sie könnte es sich anders überlegen. In Wirklichkeit wusstest du gar nicht, worum es in dem Buch ging. Da stand, dass es von einem gewissen Nietzsche war, aber wer das war, wusstest du auch nicht. Du hattest es nur ausgesucht, weil dir der Titel gefiel. Mama gab dir das Geld für das Buch, den vollen Preis. Als du im Bus saßest und jetzt statt des Hündchens das Buch an die Brust drücktest, schautest du aus dem Fenster. Du sahst eine gebeugte alte Frau, die die Passanten mit verzweifelten Blicken anflehte, ihr eine Schale voll Klebreis aus ihrem Eimer abzukaufen.

Geeignet für: alle, die sich auch gerne einmal selbst an die Nase fassen

Einschätzung: Bewegende Familiengeschichte zum Mitgrübeln

© Quelle
Verlag: Piper
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 2012
ISBN: 978 3 492 05510 9
Auszug: S.63
Infos zum Buch
Titel: Als Mutter verschwand
Autor/in: Kyung-Sook Shin
Genre: Roman
Thema: Familie / Gesellschaft
Kategorie: Buchkritik / Korea
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