Japan Filmfest Hamburg 2011

Japan Filmfest Hamburg: Von Chaos-Jungs und Gothic Lolitas

Der japanische Film liegt ja bekanntlich nicht jedem und schon gar nicht der japanische Humor – zumal es DEN japanischen Film oder DEN japanischen Humor ja gar nicht gibt und es eher darauf ankommt, sich seine Nische zu suchen und die „guten“ Filme herauszufiltern, damit man die „schlechten“ besser ertragen kann. Und diese Gelegenheit bot sich vom 25. bis zum 29. Mai in Hamburg auf dem Japan Filmfest. Metropolis, 3001 und B-Movie hatten jede Menge J-Kino zu bieten und wer es nicht hingeschafft hat, hat einiges verpasst: Es gab lüsterne Aliens, beschirmte Kampf-Lolitas, Obesessionen, Geschwisterliebe, phantastische Helden, ganz alltäglichen Wahnsinn und echte Gefühle. Arthaus, Anime, Komödien, Dramen und Kurzfilme zeigten vor allem junge Talente, aber auch altgediente Meisterregisseure fanden hier ihr Plätzchen.

Als ich gelesen hab, dass der Eröffnungsfilm dieses Jahres „Surely Someday“ von Oguri Shun sein sollte, war ich… sagen wir einmal „besorgt“. Nicht nur, dass mich Oguri Shun als Hauptdarsteller des letztjährigen Eröffnungsfilms „Tajomaru“ mit seiner laienhaften Milchbubidarstellung zutiefst in dem Glauben bestärkte, dass ich niemals ein Oguri-Fan sein werde, nein, Oguri Shun dreht nun auch noch Filme und ich musste mir das antun. Eine Alternative gab es ja nicht, weil es eben der Eröffnungsfilm war. Aber ganz ehrlich: Ich war geschockt, wie frech, wild und unterhaltsam „Surely Someday“ war. Fünf Jungs wollen in dem Film ihr Schulfest retten, sprengen die Schule dabei versehentlich beinahe in die Luft und müssen nun das Chaos beseitigen, das die Kontrolle über ihr Leben übernommen hat. Eine lockere, leichte Komödie, jung und modern inszeniert. Oguri Shun als Regisseur gefällt mir jetzt schon besser als jemals als Darsteller. Und so hatte das Japan Filmfest Hamburg dieses Jahr auch einen gelungenen Auftakt.

Der nächste Tag war – zumindest für mich – dann doch recht ernüchternd. „Assault Girls“, ein Sci-Fi-Gaming-Flick mit ungewissem Sinn, „Yuriko’s Aroma“, ein Liebesdrama über eine Aromatherapeutin, die gerne an Kendoklamotten schüffelt (ja, genau! yak!) und „Love + Loathing + Lulu + Ayano“ waren geplant. Beim letzteren hatte ich das unbestimmte Gefühlt, dass sich hinter diesem Stoff ein echter Geheimtipp verbarg – tat es nicht, ich lag falsch und habe mich 105 Minuten lang gefragt, warum ich jetzt nicht in „Teto“ sitze. Zumindest hätte ich mir da keinen lahmen Cosplay-Porno angeguckt.

Der Freitagabend bescherrte dann dem 3001 ein vollen Haus. Denn „Gothic & Lolita Psycho“ lockte so viele Zuschauer an, dass man sogar noch Platz schaffen musste. Und der Film hielt, was er versprach und die Zuschauer bekamen eine abgedrehte Trash-Perle voller Filmanspielungen kredenzt. Und wer Lust hatte, konnte währenddessen auch noch „Finde den Fehler“ spielen und mitzählen, wann die Hauptdarstellerin nun fälschlicherweise hohe und wann flache Stiefel anhatte – die flachen hatte sie wohl immer unter ihrem Rock dabei, weil das Kämpfen damit ja viel bequemer fällt… Lustig war es, unterhaltsam und wohl das Highlight des Tages. „Wandering Home„, der zeitgleich im Metropolis lief, war mir als Ausmaß an Langeweile bereits bekannt, sodass ich den glücklicherweise trotz Asano Tadanobu umschifft hatte. „Alien vs. Ninja“ und „Mutant Girls Squad“ waren wieder etwas für Freunde des schlechten Geschmacks, aber wer Fantasy-Viecher gepaart mit skurriler Action mag, dem sei es gegönnt.

Auch das Wochenende war prall gefüllt mit japanischen Filmen und somit auch schwierigen Entscheidungen. „Arrietty„, der neue Film vom Studio Ghibli hatte viel Zulauf von den jungen japanischen Zuschauern. Aber auch einige deutsche Familien fanden sich im Metropolis ein und waren dann zu recht verwundert, als die wie im Programm angekündigten deutschen Untertitel plötzlich nur noch englisch waren. Glücklicherweise ist „Arrietty“ ein echter Kinderfilm, den man auch ohne Worte versteht. Dennoch eine unschöne Panne. Richtig schön und sau-cool war hingegen das Mittagsprogramm am Sonntag im Metropolis: „Milocrorze„, ein total irrer Episodenfilm über die Liebe und mein persönliches Highlight des ganzen Festivals. Im Anschluss sollte dann DER Film des Filmfests laufen, „Heavens Story“ – ein Film, den ich mir aufgrund seiner monströsen Länge (fast fünf Stunden!!!) dann doch nicht angeschaut habe. Der Abend stand im Zeichen von Spannendem: Mit „Hotel Chelsea“, einer amerikanisch-japanischen Produktion und dem recht kurzen „Cage“ wurden Thriller-Fans bedient. „13 Assassins“ hingegen von Miike Takashi lockte Freunde des Schwert-Genres. Hier konnte man mal wieder den Entschied zwischen Kampfkunst und Kampf-Inszenierung sehen, denn handwerklich war der Film erste Riege.

Fazit: Das Japan Filmfest Hamburg bietet jede Menge Möglichkeiten, Neues, Faszinierendes und Irrwitziges zu entdecken. Genauso gut kann man sich dann jedoch auch in einem Film wiederfinden, in dem sich Wurzeln über einen Körper ausbreiten und nicht einmal der Regisseur selbst kann wirklich erklären, welche Bedeutung dahintersteckt. Es ist ein Glücksspiel, das mit dem japanischen Film. Was mir jedoch besonders auffiel, war die zuteils gähnende Leere in den Kinosälen. Der Grund? Die PR hat hier versagt. Denn überall hab ich Leute getroffen, die nicht wussten, dass gerade das Japan Filmfest in Hamburg stattfindet. Ich weiß, der Verein Nihon Media, der das Festival organisert, macht das alles ehrenamtlich, aber es reicht eben nicht, so ein Festival bei Studenten und Spezies mit Brochüren und Flyern bekannt zu machen. Daran muss sich etwas ändern, damit ein Film wie „Milocrorze“ nicht nur von einer handvoll von Japanfans gesehen wird. Dafür steckt auch einfach zu viel Arbeit und Herzblut in solch einem Festival. Also fürs nächste Jahr: 1. Mehr PR, 2. keine Cosplay-Pornos und 3. nicht schon wieder ein Eröffnungsfilm von/mit Oguri Shun…

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