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Wilde Schafsjagd

Der namenlose Protagonist dieses etwas anderen Krimis lebt in seiner kettenrauchenden und biertrinkenden Selbständigkeit als Übersetzer vor sich hin. Da bekommt er Besuch von einem seltsamen Mann, der ihm ein noch seltsameres Angebot unterbreitet. Neugierig und in Anbetracht seiner ansonsten eher vegetativen Existenz, unternimmt er, begleitet von einer Frau mit unglaublich schönen Ohren, eine Reise in eine Welt, in der urplötzlich ein neues Stockwerk in einem Hotel auftaucht, wo sich ein geheimnisvolles Wesen eine Bibliothek eingerichtet hat…

Ein einzigartiger, fantastischer Kriminalroman, der jeden „normalen“ Krimi um Längen schlägt. Die Figuren in Murakamis Geschichte sind sonderbar normal und eigenartig faszinierend. Liebreiz wird hier durch sinnliche Ohren bestimmt, Rockmusik ist allgegenwärtiger Lebenssinn und Schafe schmieden Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft. Oder ist alles doch nur ein Traum? Skurril und doch näher an der Realität, als man zunächst meinen mag, ist die Suche nach dem Schaf, das den Protagonisten der Geschichte endlich aus seiner Lethargie reißt. Selbst Krimiabstinenzler werden sich dem Charme dieses exzellenten Romans nicht entziehen können. Besser kann man es kaum machen.

«Das Schaf ist also mit Ihnen nach Japan gekommen?» sagte ich, um das Gespräch wieder aufs Thema zu bringen.
«Ja», sagte der Schafprofessor. «Ich fuhr von Pusan aus mit dem Schiff zurück, und das Schaf kam mit.»
«Was in aller Welt hatte das Schaf vor?»
«Das weiß ich eben nicht!» brach es aus ihm heraus. «Ich weiß es nicht. Das Schaf hat es mir nicht verraten. Aber dass das Biest etwas Großes vorhatte, war mir auch so klar. Ein gewaltiger Plan, der die Menschheit und die Welt radikal verändert.»
«Und das soll ein einziges Schaf versucht haben?»
Der Schafprofessor nickte, schob das letzte Stück Brötchen in den Mund und klopfte sich die Hände ab. «Das ist überhaupt nicht verwunderlich. Denk nur daran, was Dschingis Khan vollbracht hat.»
«Das ist wahr», sagte ich, «aber warum hat das Schaf gerade diesen Zeitpunkt und ausgerechnet Japan gewählt?»
«Wahrscheinlich habe ich es aufgeweckt. Es hat sicher einige hundert Jahre lang in dieser Höhle geschlafen. Und ich, ausgerechnet ich, musste es aufwecken!»

Geeignet für: Kettenraucher, Ohrenfetischisten, Fans des Skurrilen und alle, die es schön ’schaf‘ mögen

Einschätzung: Pflichtlektüre!

Autor/in: MURAKAMI Haruki

© Quelle
Verlag: Suhrkamp / Dumont
Ausgabe: Taschenbuch
Jahr: 1997
ISBN: 3 518 39238 7
Auszug: S. 192

Infos zum Buch
Titel: Wilde Schafsjagd
Autor/in: Haruki Murakami
Genre: Roman / Krimi
Thema: Gesellschaft / Japan
Kategorie: Buchkritik / Japan

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