Tanizaki Junichiro: Tagebuch eines alten Narren

Tagebuch eines alten Narren

Mit 77 Jahren da fängt das Leben leider nicht erst an. Das stellt auch der Verfasser dieses Tagebuches fest. Er ist pflegebedürftig, hält sich krampfhaft am kulturellen Geschehen der Stadt fest — soweit dies noch möglich ist. Mit seinem möglichen Ableben will er sich nicht befassen. Auch das Familienleben ist eingeschränkt. Der Sohn ist geschäftig, die Ehefrau besteht aufs eigene Zimmer mitsamt Bad. Der einzige Lichtblick: die Schwiegertocher, die Erinnerungen an bessere Zeiten weckt und die Fantasie stimuliert. Doch auch wer noch einmal einen kleinen Höhenflug wagt, muss irgendwann zum Boden der Realität zurückkehren.

Buchkritik zu Tanizaki Jun’ichiros „Tagebuch eines alten Narren“

Das Alter stellt den Menschen vor Herausforderungen. Juni’ichiro Tanizaki lässt uns mit „Tagebuch eines alten Narren“ einen Blick in den Alltag eines 77-Jährigen werfen und erzählt wie dieser versucht, sich das Leben schön zu denken. Er ergibt sich kleinen Koketterien mit der Schwiegertochter, die seine erotischen Fantasien stimulieren. Über sich selbst spottet er und feixt über die Eifersüchteleien der Frauen in seinem Haushalt. Verzweifelt versucht er, seine Lebensgeister zu erhalten, versucht genauso wie früher am Alltag teilzunehmen.

„Tagebuch eines alten Narren“ ist sehr japanisch, sehr ruhig, mit vielen Anspielungen auf Kultur und Gesellschaft (z.B. die erotische Wirkung von schönen Füßen). Das Tagebuch ist dabei eine sehr subjektive Wahl des Geschichtenerzählens. Ob alles genauso passiert ist, wie der Leser es präsentiert bekommt, kann er nur erahnen. Viele jüngere Leser wird vielleicht der Bereich Erotik im Alter abstoßen, dafür erfordert es Feingefühl beim Lesen, um hinter die Fassade zu blicken. Dabei steht vor allem der körperliche Verfall, das drohende Ende im Vordergrund dieser sehr einfühlsam erzählten Geschichte.

Die vielen japanischen Begriffe erschweren den Einstieg ins Buch. Ein Glossar und Leseerfahrung mit japanischer Literatur erleichtern dies ungemein. Die Sprache ist nicht sonderlich poetisch. Muss sie auch nicht. Das würde nur ablenken von der Allgemeingültigkeit, des Gewöhnlichen der Erfahrungen, die hier der Protagonist erlebt. Alt zu werden ist nicht schön, auch wenn man es sich schön „denken“ kann.

Eine wunderschöne, einfühlsame Geschichte, die Jun’ichiro Tanizaki da 1961 geschaffen hat. Humorvoll und dennoch melancholisch, einfühlsam und gleichzeitig knallhart. Sehr empfehlenswert.

Bei einer solchen Frau darf aber die Bösartigkeit nicht allzu offensichtlich sein. Und je schlimmer sie ist, umso klüger muss sie sein. Es gibt ja verschiedene Grade der Schlechtigkeit. Stehlen und Morden etwa sind wirklich etwas Übles, obwohl ich Frauen, die dazu fähig sind, nicht von vornherein verwerfen möchte. Wenn ich wüsste, dass eine Frau, die mit mir schlafen möchte, mich gleichzeitig bestehlen will, so steigerte dies eher mein Interesse für sie, und ich würde mich ihr trotzdem gern nähern und der Verlockung kaum widerstehen können.

Infos zum Buch
Tagebuch eines alten Narren / The Heirs
Tanizaki Jun’ichiro
Manesse, 2015
Auszug: S.34
978-3-7175-4089-2

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