Ryu Murakami: Coin Locker Babys

Coin Locker Babys

Kiku und Hashi verbindet das gleiche Schicksal: Sie sind als Babys von ihren Müttern in Münzschließfächern ausgesetzt worden. Gerettet im letzten Moment, kommen sie erst ins Waisenhaus, danach zu den gleichen Adoptiveltern. Doch ihre Vergangenheit beschäftigt sie weiterhin. Der eine wird Rockstar und sucht nach der Melodie seines Lebens; der andere trifft auf ein Model mit Hauskrokodil und fragt sich, wie er Tokyo auslöschen kann…

Buchkritik zu Ryu Murakami: „Coin Locker Babys“

Dieses Buch ist nichts für zarte Gemüter. Ryu Murakami („In der Misosuppe“, „Piercing“, „Das Casting“) hat einen gewissen Hang zu expliziten Beschreibungen — insbesondere was Gewalt angeht, aber auch Sex ist bei ihm durchaus immer wieder Thema. In „Coin Locker Babys“ schickt Ryu Murakami zwei Waisenkinder auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Und schon früh zeigt sich, dass es sich hierbei nicht um unkomplizierte Charaktere handelt. Kiku gelingt zwar alles, doch innerlich ist er von einer tiefen Traurigkeit erfüllt und heftet sich stets an Hashi. Der wiederum fühlt sich als Störfaktor, reißt aus und schlägt sich irgendwie durch bis er als Sänger Karriere macht. Beide machen dabei Bekanntschaft mit dem Tod. Überleben scheint nur durch einen Gewaltakt möglich.

„Coin Locker Babys“ ist brutal, aber psychologisch höchst faszinierend. Auch wenn es einige Längen im Buch gibt, so baut Ryu Murakami sehr dichte, komplexe Charaktere, die nie aus ihrer Haut können. Jede Figur ist ein ganz eigener Charakter. Die ungleichen Brüder Kiku und Hashi erschrecken den Leser und halten ihn gleichermaßen wach und wachsam. Das Ende wirkt leider etwas schnell zusammengeschustert, aber es ist dennoch spannend der Geschichte von Kiku und Hashi bis zum Schluss zu folgen. Guter Lesestoff, wenn alles mal etwas trist aussieht.

Anmerkung: Die deutsche Version von Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ wurde übrigens von Ursula Gräfe übersetzt, die bekanntlich auch die Werke von Haruki Murakami direkt aus dem Japanischen übersetzt. Eine gute Wahl und das merkt man auch beim Lesen.

Hashis Mitschüler wollten ihn besuchen, aber er weigerte sich, jemanden zu sehen. Statt einem Miniaturreich wandte er sich jetzt dem Fernseher zu. Vom frühen Morgen bis tief in die Nacht saß er davor und war durch nichts vom Bildschirm wegzubringen. Wenn Kazuyo oder Kuwayama das Gerät abschalteten, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Er sprach nur noch mit Kiku, und das auch nur wenn sie allein waren. „Ich bin ein ganz schlechter Junge“, sagte er dann. Kuwayama meinte, es wäre vielleicht besser, ihn zu einem Arzt zu bringen. Kazuyo gab sich die Schuld und pilgerte unablässig zum Schrein, um sich zu reinigen, aber Hashi sprach einfach nicht mehr mit ihr. Kiku blieb der Einzige, dem er sich anvertraute. „Ich bin nicht verrückt“, sagte er zu ihm. „Ich bin nur auf der Suche nach etwas. […].“

Coin Locker Babys

Ryu Murakami
Septime, 2015
978-3-902711-35-9
Auszug: S.57

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