Ryu Murakami: Popular Hits of the Showa Era

Popular Hits of the Showa Era: Krieg der Loser

Ein beispielhafter Rachefeldzug beginnt in «Popular Hits of the Showa Era» sprichwörtlich mit Nichtstun. Eine Gruppe junger Männer in ihren 20ern frönt einem Leben voller Nichtigkeiten. Fast Food. Karaoke. Halbnackte Frauen beobachten. Die jungen Herren langweilen sich aus Prinzip gerne. Wünsche, Träume oder irgendeinen ernsthaften Sinn des Lebens kennen sie nicht. Da stellt man auch mal eine Dummheit an. Einfach so. In diesem Fall ist es der grundlose Mord an einer End-30erin. Doch damit startet das Elend. Denn das Tantchen hatte Freundinnen. Und die schwören Rache…

Buchkritik zu: Popular Hits of the Showa Era

Ryu Murakami ist bekannt für seine Gewaltorgien und auch in «Popular Hits of the Showa Era» kennt er kein Erbarmen mit dem Leser. Murakami präsentiert hier zwei Gruppen, einen Generationenkonflikt. Die 20-jährigen Männer haben keine Ziele im Leben, sind Spanner und verachten Frauen, die im rechten Alter sind, um sie «Tantchen» nennen zu können. Doch wenn man genau hinschaut, so unterscheiden sich diese wenig von ihren jüngeren «Feinden». Sie kichern ohne Sinn und Verstand, hören einander nicht zu und quatschen über belangloses Zeug. Sie sind geschieden, gestrandet und ohne Relevanz für die Gesellschaft.

Psychopathen mit Unterhaltungswert

Ein Mord führt in «Popular Hits of the Showa Era» zur Eskalation. Die beiden Gruppen bekriegen sich bis aufs Blut und werden dabei immer waghalsiger. Wie Kamikazepiloten stürzen sich die Männer und Frauen in eine Blutfehde. Dabei agieren sie durchaus logisch – für ihre Sicht der Dinge. Selbstreflexion gibt es bei ihnen jedoch nicht. Genauso wenig wie Ambitionen oder Soft Skills. Jede Figur für sich ist egozentrisch, abgestumpft und langfristig auch hemmungslos. Sie eint die Liebe zu seichter Pop-Musik. Einen gewissen Humor kann man Ryu Murakami dabei nicht abstreiten. Allein die Tatsache, dass die Damen allesamt «Midori» heißen, macht die bizarre Geschichte noch schräger.

Beliebte Hits der Showa-Ära – der Zeit des Friedens

Trotz all der skurrilen Entwicklungen, nimmt man Murakami die Geschichte jedoch ab. Denn er schafft es meisterhaft, seine schrägen Charaktere mit pointierter Gesellschaftskritik zu verweben. Konformität anstatt Individualität. Bloß nicht aus der Reihe tanzen oder gar eigene Ziele entwickeln. Ein Hauptkritikpunkt in Murakamis «Popular Hits of the Showa Era». Und dies vermittelt er ganz offen in der Frage, wer die Charaktere eigentlich sind. Antwort: «Das weiß niemand. Wir sind unser Leben lang ignoriert worden. Daher weiß auch niemand, wer wir sind» (S.189). Blanker Hohn, dass die Figuren ausgerechnet Pop-Songs der «Ära des erleuchteten Friedens» (ca. 1926-1989) vergöttern.

«Popular Hits of the Showa Era» ist ein für Ryu Murakami sehr typisches Werk. Wer über etwaige Brutalitäten hinwegsehen kann und absurde Figuren mag, wird hier in ein unterhaltsames Lesevergnügen eintauchen. Wer sinnloser Gewalt nichts abgewinnen kann, sollte lieber zu «Coin Locker Babys» oder «69» greifen.

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But for the Midoris, who possessed a blind and unshakable belief in their own righteousness, the memories had the opposite effect. The battle at Atami had been a kind of holy war for them – they were, after all, avenging the murders of valued friends – and as such it was not something they felt any need to be ashamed of. The experience had, in fact, boosted their self-esteem, and they seemed to ooze fulfillment from every pore.

 

Infos zum Buch

Ryu Murakami
Popular Hits of the Showa Era
Pushkin Press, 2011
978-1908968-44-9
Auszug: S. 157

Redakteurin mit dem gewöhnlichsten Namen der Welt, daher auch viel mit Autorennamen unterwegs. Bloggerin, Asiennerd, Web-Samurai & Wort-Schubserin.

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