Banana Yoshimoto: N.P.

Die Oberschülerin Kazami hat eine Beziehung mit dem 17 Jahre älteren Übersetzer Shoji, der sie eines Tages mit zu einer Verlagsparty nimmt. Dort trifft Kazami auf die Geschwister Otohiko und Saki, die Kinder eines gerade verstorbenen Autors, dessen letzte Erzählung („N.P“) Shoji gerade wie besessen ins Japanische übersetzt. Kurz darauf bringt sich Shoji um. Fünf Jahre später begegnet Kazami den Geschwistern wieder und entwickelt sofort eine ungewöhnliche Zuneigung zu ihnen. Sie erfährt, dass alle, die mit der Geschichte von damals zu tun hatten, Selbstmord begingen. Und als Kazami dann auch noch Otohikos und Sakis Halbschwester Sui kennenlernt, ist sie vollends gefangen in der Welt von „N.P“, die von Liebe, Leidenschaft und Inzest bestimmt wird…

Banana Yoshimoto: N.P – Kritik

„N.P“ ist eins von Banana Yoshimotos erstaunlichsten Werken. Es kombiniert die tragischen Lebensgeschichten von jungen Menschen, die zwischen Liebe, Leidenschaft und Konventionen hin und hergerissen sind, mit familiären Schicksalen, beinahe mystischen Empfindungen und einem Plädoyer für mehr gesellschaftliche Toleranz. Einfühlsam und spannend erzählt Yoshimoto diese Geschichte, die vor allem mit ihrer schlichten Eloquenz überzeugt. Yoshimoto beweist mit „N.P“ ein besonderes Gespür für markante Charaktere, die den Leser zugleich betören und verstören. Und auch inhaltlich begibt sich die Geschichte in die Abgründe der menschlichen Seele: „N.P“ ist eine Inzesterzählung, bedrückend, aber dennoch faszinierend erzählt sie von einer jungen Frau, die zunächst ihrem Vater und dann ihrem Bruder verfällt. Yoshimoto verurteilt jedoch nicht. Die Protagonisten stehen sich vor allem selbst im Weg, leiden unter den gesellschaftlichen Zwängen und scheuen sich vor einer Entscheidung, die nur radikal sein kann. „N.P“ ist eine Geschichte direkt aus dem Großstadtdschungel: Familienschicksale, Gefühlschaos, Identitätssuche -ein herrlich trüber Einblick in den ganz alltäglichen Wahnsinn.

Ein seltsames Gefühl. N.P. war schließlich Fiktion. Und Fiktion kann man wieder vertreiben, egal wie viel man davon in seinen Kopf gelassen hat, es sei denn, man hat ernsthafte Defekte. Aber Sui zum Beispiel, sie war leibhaftig da, sie redete, sie fuhr sich durchs Haar, ihr großer Mund lachte, sie kleckerte mit dem Essen, und aus ihrer Nase tropfte echtes, warmes blut. Sie reagierte auf das, was ich sagte, und zwar in Echtzeit. Die Wirklichkeit war dehnbar geworden wie Kaugummi. Alles schien verzerrt, mein Realitätssinn war verlorengegangen. Die ganze Zeit schon, seit ich ihr begegnet war. Sie war N.P. Deshalb, ob ich jetzt in Sui verliebt war oder in Saki, oder in die ganze Situation an sich -ich wusste es nicht. Möglicherweise hatte ich gar Gefallen an Otohiko gefunden. Das wäre allerdings schlecht. In einer kleinen Gruppe eine Atmosphäre dieser Art zu schaffen war gefährlich.

Geeignet für: schwüle Spätsommertage

Einschätzung: Tragisch faszinierende Geschichte über Liebe, Lust und Moral

Info zum Buch
Banana Yoshimoto – N.P
Diogenes, 1995
3 257 22790 6
Auszug: S.86/87

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