Banana Yoshimoto: Federkleid

Nach acht Jahren wird Hotaru von ihrem Geliebten verlassen. Sie fällt in ein tiefes Loch und kehrt zunächst einmal zurück in ihre Heimatstadt in der Provinz. Dort holen sie sehr schnell Kindheitserinnerungen ein: der frühe Tod ihrer Mutter, die geplatzte Heirat ihres verwitweten Vaters mit einer Wahrsagerin, ein paar Handschuhe, die ihr einmal das Leben gerettet haben. Hotaru taucht ein in eine Welt voller vergrabener Gefühle und Übersinnlichem – doch dann muss sie sich auch der Realität stellen.

Banana Yoshimoto: Federkleid – Kritik

In „Federkleid“ widmet sich Yoshimoto wieder einmal der Welt des Okkulten. Ihre Hauptfigur Hotaru trifft in ihrer Heimatstadt auf Menschen, die Geister und Kobolde sehen können, Vorahnungen oder schlicht ungewöhnliche Träume haben. Doch so entrückt ist diese Welt des Übersinnlichen gar nicht: Schließlich hat Hotaru die letzten acht Jahre ihres Lebens damit zugebracht, stets auf ihren Geliebten zu warten. Der verheiratete Fotograf war ihr einziger Lebenszweck. Arbeit, Freunde, Hobbys gab es nicht – nur das Warten und kurze Momente der Zweisamkeit. Feinfühlig beschreibt Yoshimoto hier die Suche einer jungen Frau nach sich selbst, die trotz metaphysischer Erfahrungen für den Leser wunderbar nachzuvollziehen und anrührend zu lesen ist. Durch die natürliche und nicht überladene Sprache der japanischen Erfolgsautorin wird das Buch trotz des anspruchsvollen Themas zu einem perfekten, leichten Sommerroman, der in keinem Urlaubsgepäck fehlen sollte.

Seinem zerzausten Haar nach hatte der Mann offenbar geschlafen. Trotzdem empfing er mich freundlich. Als ich eintrat, staunte ich noch einmal: Das war keine Kneipe, sondern ein ganz normales Wohnzimmer. einzig die Theke mit fünf Stühlen deutete darauf hin, dass man hier bewirtet wurde. Der private Teil befand sich hinter einem Paravent.
Natürlich war niemand da außer mir.
«Ich habe Nudelsuppe mit klarer Brühe, Miso oder gemischt mit Einlagen.»
Er machte sich hinter der Theke zu schaffen. Es raschelte und knisterte.
«Äh… sagen Sie mal, sind das nicht Instantnudeln? Sapporo Number One?»
«So ist es. Aber ich tu Ihnen gerne noch Sojasprossen und ein Ei rein. Auch Butter und jede Menge Pfeffer und Sesam», antwortete er schmunzelnd.
«Wie viel kostet das?»
«300 Yen.»
«Dann eine gemischte, bitte. Und ein Bier.»
Schöner Reinfall, dachte ich. Instantnudeln! Die hätte ich genauso gut zu Hause machen können. Wenn der nicht ein bisschen verrückt ist…

Geeignet für: das kleine Handgepäck

Einschätzung: Anrührend und natürlich

Infos zum Buch
Federkleid
Banana Yoshimoto
Diogenes, Hardcover, 2007
978 3 257 06579 4
Auszug: S. 55/56

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