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Hamburger Meisterschaft 2012 (Kendo): „Gib ihr bloß keinen Zucker mehr!“

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So eine Hamburger Meisterschaft im Kendo ist doch was Feines. Vor allem, wenn man schon total durchgeschwitzt dort ankommt, weil man zuvor S-Bahnen hinterhergerannt ist und sein Gepäck nach einem längeren Sprint einarmig vorne in den Bus gehievt hat. Wann bekomme ich eigentlich endlich meinen koreanischen Chaffeur? Den hab ich mir schon vor Urzeiten beim Universum gewünscht!

Zumindest fühlte ich mich in Eidelstedt sofort pudelwohl. Ich hatte noch nie so viele ältere Damen und Herren mit Rollator gesehen – auf dem Marktplatz, nicht auf der Kampffläche… Das kann ja noch was werden, so wirr, wie ich jetzt bereits schreibe, he, he… Jedenfalls fühlte ich mich dort sogleich akklimatisiert und heimisch, was meinen Fitness-Level betraf… Ausgelaugt, nervöser Magen, Kreislauf in den Kniekehlen, ne kaputte Hand und ungefähr so motiviert wie damals in der Schule auf dem Weg zu den Bundesjugendspielen.

Bundesjugendspiele. Das Trauma meiner Kindheit. Das war damals eine „Pflicht“ und als pflichtbewusste Schülerin musste ich dorthin. Schwänzen ohne eine Entschuldigung der Mutter ging sowieso gar nicht. Alle zwei Jahre hatte meine Mutter Erbarmen mit mir und schrieb mir eine Entschuldigung. Dazwischen musste ich also hin. Und jedes Jahr träumte ich von einer Urkunde. Ich war nicht besonders sportlich und zugegeben etwas tollpatschig – schon damals – aber: Ich kämpfte mich Stück für Stück an eine Urkunde heran. Ich trainiert hart. Das Problem: Mit den Jahren wurden die Anforderungen höher, sodass ich nie mein Ziel erreichte. Die einzige Sporturkunde zu Schulzeiten bekam ich beim Minigolf. (Bitte an dieser Stelle ein kollektives, mitleidiges: Oooooh! – Danke!)

Im Sommer lief das dann ungefähr so ab: Ich suchte mir Sportarten aus, in denen ich mich „passabel“ wähnte und landete dann meist bei Weitsprung, Werfen und Langlauf. Jedes Mal fatale Fehlentscheidungen. Ich erinnere mich an meine letzten Bundesjugendspiele im Sommer mit Grauen. 800-Meter-Lauf, alle sind bereits im Ziel und ich musste noch 200 Meter laufen. Plötzlich höre ich aus der Masse eine einzelne Stimme heraus: „Ja, lauf! Du! Letzte! Lauf! Du schaffst es!“ Sicherlich nett gemeint, doch fatal für denjenigen, der grad läuft und am liebsten unsichtbar wäre. Beim Geräteturnen im Winter war ich dann dankbar, dass ich mich ans Reck hängen durfte und fürs Ausharren einen Punkt von meinem sehr mitfühlenden Sportlehrer bekam. Hach, immer wenn ich ausblutende Tiere an Schlachterhaken sehe, muss ich sentimental an diese Zeit zurückdenken. Sportliche Menschen wissen meist nicht, welche Traumata ihnen in der Schulzeit erspart geblieben sind…

Zurück zur Hamburger Meisterschaft im Kendo. Motiviert war ich also nicht, fit auch nicht. Aber: Ich war da. Immerhin! Wer Vereinskollegen in einen Wettkampf reinquatscht, sollte wenigstens da sein. Außerdem war ich durchaus gewillt, meinen 3. Platz bei den Damen im letzten Jahr zu verteidigen. Nun ja. Sagen wir einmal, das ist mir quasi gelungen. Es waren nur zwei Frauen im Turnier, d.h. eine Austragung gab es nicht. HÄTTE es diese jedoch gegeben, hätte ich also mindestens den 2. Platz gemacht. Damit habe ich mich theoretisch um einen Platz verbessert und somit kam auch theoretisch Freude über dieses theoretisch exzellente Ergebnis auf…

Doch es gab ja auch noch einen praktischen Wettkampf. Also erst einmal ein Schluck Dr. Pepper. Das macht fit, hält wach und macht geistig geschmeidig. Aber das Turnier ging so los, wie man es sich nicht wünscht: mental fail. Der erste Gegner im Pool war einfach zu gut. Dazu Schlaghemmungen. Mentale Blockade. 2:0. *hmpf* Nun gut, hatte eh nicht erwartet, dass ich aus dem Pool rauskomme. Mein Gegner war von Anfang an mein Kopf, mein Magen, dieses „Also irgendwie ist mir übel…“. Und dann der Gedanke: „Hoffentlich sieht man mir nicht an, dass ich nervös bin.“ Super! Der perfekte Motivator! Ich brauche einen Helm, an dem die Dr.Pepper-Dosen befestigt werden, damit ich konstant daran nuckeln kann…

Dingdingding. 2. Kampf, 2. Versuch, den Kopf auf Linie zu bringen. Also: Konzentration! Nur ist das mit der Konzentration so eine Sache… Vor allem, wenn der Gegner so flauschige Wimpern hat… Ja, Schande über mich. Ihr habt richtig gelesen. Daher darf ich euch meine innere Konversation (während des Kampfes!) mit mir selbst natürlich nicht vorenthalten:
„Hui, der hat aber plüschige Wimpern!“
„Achtung! Men!“
„Wieso hat der so plüschige Wimpern?“
„Vorsicht! Gleich trittst du aus der Kampffläche raus… Drehen, Anja, drehen!“
„Ich will auch so plüschige Wimpern haben…“
„Konzentration! Bitte! Und jetzt schlagen! Schnell!“
„Faszinierend!“
ZEIT. Unendschieden. Vorerst. „Ich bin unwürdig…“ -.-“

An diesem Punkt setzt die Verzweiflung ein. Es gibt ein Bild, auf dem mein Gesichtsausdruck und meine Körperhaltung genau das sagen, was ich in dem Moment gedacht habe: XXX. He, he, das sag ich euch doch nicht! 😉 Es war zumindest… nicht gut… Tiefpunkt erreicht. Wie im Videospiel: nur noch ein Leben und nichts klappt. Konnte ich nicht einfach rebooten? Also noch ein Schluck Dr. Pepper und jammern: „Ich will nicht mehr. Kann ich nicht einfach aufhören?“ Aber so einfach ist das nicht. Schließlich bin ich vom Sternzeichen her Stier. Da geht man nicht einfach um Mauern herum. Man rennt sie ein oder stirbt bei dem Versuch… Diese Einsicht kam allerdings erst nach einer halben Flasche Dr. Pepper, einem Stückchen Rum-Schokolade und nachdem ich zugeschaut hatte, wie meine Vereinskollegen sich wacker geschlagen hatten – einer, unter den frenetischen Jubelrufen seines Bruders: „Das ist mein Bruder! Das ist mein Bruder!“ Ein eigenes Pep-Team ist doch was Schönes.

„Es gibt noch Unklarheiten in Pool 2“
„Es gibt noch Unklarheiten.“
„Ja, Anja, es gibt es noch Unklarheiten. Klär das mal kurz.“
„Ich klär das dann mal kurz…“

Entscheidungskampf. Mein Gegner war allerdings nicht gewillt, mich gewinnen zu lassen. Encho. Mein Glück, dass er gegen Jodan so wenig geübt war, wie ich im Jodan. Chancen 50:50. Dann ein Schlag aufs Do – auf die Stelle, die bei Frauen weniger angenehm ist. Jetzt funktionierte das mit der Konzentration plötzlich wunderbar. Vorbei mit „plüschig“. Also alles auf eine Karte: Pong & Punkt. Riskant. Und mitbekommen hab ich’s auch nicht wirklich. Aber ich war in der nächsten Runde.

Verschnaufpause und außer einer aufgeplatzten Lippe (ohne Frage ein Resultat der Kampfaura meines Gegners), keinerlei Schäden zu beklagen. Dr. Pepper zeigte endlich langsam Wirkung. Jetzt war ich wach und äußerst redselig. Ich amüsierte mich gut, deshalb weiß ich auch nicht, warum eine Vereinskollegin so panisch dreinblickte, als mir jemand Süßes anbot: „Gib ihr bloß keinen Zucker mehr!“ Von Dr. Pepper bekommt man übrigens keinen Zuckerflash. Dafür benötigt man schon einiges mehr…

Dingdingding. Jetzt würde es ungemütlich werden. Nächster Gegner: jung, agil, motiviert und frech. Seine Taktik als das mit den Men nicht so klappte: selbst einmal Jodan ausprobieren – zum ersten Mal. Dass er sich damit selbst boykottiert, wusste er nicht. Wer macht schon Jodan, wenn er es nicht muss? Zumindest auf Kyu-Level bringt das mehr Probleme als Vorteile… Für das schlussendliche „Pong & Punkt“ hab ich allerdings vier Pieker im rechten Handgelenk kassiert. Ungünstig. Sehr ungünstig, wenn schon die linke Hand lädiert ist…

Whoops und schon lag ich wie eine tote Schildkröte auf dem Boden – zweimal binnen 30 Sekunden. Man darf mit recht sagen, dass ich höchst überrascht war über meinen nächsten Gegner. Das ging so schnell, dass ich gar nicht wusste, was da passierte. Erst hinterher erfuhr ich, dass ich gerade meine ersten Erfahrungen mit Hebeltechniken gemacht hatte. Mental fatal. Gerade ist man nach dem ersten Wums wieder aufgestanden und denkt sich: „Das macht der nicht noch einmal mit mir…“ Wums. Und schon wieder die tote Schildkröte. Dieses Mal mit angehender Gehirnerschütterung. Was immer man darüber denken mag, in der Ausführung äußerst effizient eingesetzt – auch später noch bei einem Dan-Träger. Da steckte ordentlich Energie hinter und ich muss schon sagen, dass ich wenigstens einen Teil davon auch gerne hätte… Jetzt war ich wieder beim Geräteturnen und war gerade beim Sprung über den Bock hängengeblieben… Mit einem entscheidenden Unterschied: Damals wollte ich nicht weitermachen. Jetzt schon. So wollte ich nicht aus dem Turnier gehen – als tote Schildkröte. Andere schafften immerhin elegante Judorollen. Also weiter und nach einem Unentschieden das Aus im Viertelfinale. Die anderen waren einfach viel zu gut und mir noch um einiges an Erfahrungen voraus.

Für meinen 6. Wettkampf (3. mit Jodan) war das sicherlich okay, wenn auch nicht gut. Ich hatte dieses Mal keine arg zitternden Hände – das war gut. Die tote Schildkröte – die war nicht gut. Ich hatte sehr unterschiedliche Gegner, von denen ich viel gelernt hab – das war gut. Das mentale Auf und Ab – nicht gut. Kurzum: Es ist noch ein langer weg von der toten Schilkröte zum Ninja Turtle… Aber es hat auf seltsame Weise Spaß gemacht XD – vielen Dank dafür!

In diesem Sinne: Immer schön flauschig bleiben!

XOXO
Eure Anja

p.s. Notizen an mich selbst:
– Künftig eleganter fallen
– Nicht auf den Kopf fallen (das tut weh)
– Kerle auf Abstand halten
– Nicht pieken lassen
– Nicht ablenken lassen! Schon gar nicht von plüschigen Wimpern!
Ja, ja, ich weiß…
Ich mein es!
Ja, ja, ich auch…
Ich warne dich, äh mich!
Schon gut, hab’s verstanden. Keine plüschigen Wimpern mehr…
😉

p.p.s. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es sich um einen Gendefekt handelt. Ich werde von allem, was plüschig ist, automatisch angezogen – dagegen kann ich nichts machen…

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