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Alster Dojo Insider: Das obszöne Poster oder: Der Schein der Heiligen ruht auf uns

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Skandal im Alster-Dojo! Ein „obzönes“ Poster in der Damenumkleide sorgt für Aufregung. Plötzlich war dort ein Mann an die Wand gepinnt, der Arme und ein wenig Brust zeigte. Und – man stelle sich das vor – es war noch nicht einmal ein JAPANER!

Als ich heute zum gewohnten Training ins Alster Dojo kam, erwartete ich in der Kendo-Damenumkleide das lieb gewonnene Antlitz vom indischen Superstar Shahrukh „King“ Khan. Wir hatten ein Poster dort aufgehängt, um die zugegeben sehr triste Umkleide etwas aufzupeppen und es uns etwas gemütlicher zu machen. Das Poster sorgte sodann unter den Kendo-Damen auch für recht heitere Stimmung.

Nun wird die Kendo-Damenumkleide auch von den Iaido-Damen, derzeit sind es wohl zwei der Zahl, genutzt und natürlich zählt die Umkleide zum Alster Dojo als ganzheitliches Zentrum moralischer und vor allem traditioneller Budo-Instanz. Und plötzlich war das Poster heute weg. Von einer Iaido-Dame wurde ich auf das Fehlen des Posters hingewiesen, kaum dass ich die Umkleide betrat. Mal ganz ehrlich, das gehört hier auch nicht hin, hieß es.

Ach so? Denk ich mir da. Auf welcher Grundlage? Die Kendo-Damen stört es nicht, die Scharfrichter unterdessen wohl sehr. Vor allem: Auf welcher Grundlage wird Privateigentum eigentlich aus der Umkleide „entfernt“, ohne dass die Eigentümer davon in Kenntnis gesetzt werden, fragt sich der Kleinbürger in mir.

Aber in Japan… sind wir nun einmal nicht. Interessant ist es vor allem zu beobachten, dass Menschen, die sich sonst so an bürokratische Vorgehensweisen halten und statt zu handeln sogar im Falle von Verleumdung und Rufschädigung erst einmal in aller Ruhe reden wollen, bei einem grasgrünen Poster Zeter und Mordio schreien. Es geht ja nicht darum, was die Mehrheit der Beteiligten möchte – wo kommen wir da auch hin? Demokratie in einem Verein? Also bitte! Nein, nein, das regeln wir anders: Wir schreiben eine böse, „sehr deutliche“ E-Mail an die Sportwarte – nicht etwa die Mitglieder – in der WIR feststellen, dass sowas natürlich nicht geht. Geht nicht? Geht doch. Das Poster hing ja fast vier Wochen und bescherte uns allerhand Heiterkeit.

Aber das geht nicht. Es ist falsch, böse und entspricht überhaupt nicht der japanischen Kultur – wo wir wieder bei den Missionaren landen. Insbesondere solche, die sich als besonders weltoffen präsentieren, haben oft einen ausgeprägten Hang dazu. Das ist wie mit Ex-Rauchern und Neu-Dünnen, die es nicht lassen können, die Welt davon in Kenntnis zu setzen, dass sie den Weg ins Licht kennen.

Und das ist nicht nur bei Postern der Fall. Auch die offen sichtbare Unterwäsche der Kendo-Damen sorgte bereits einmal für eine deftige Beschwerde. Die könne man doch nicht einfach oben auf seine Sachen packen! Nicht in einer Umkleide! Wo kommen wir denn da hin?

Nun geht es wahrlich nicht um das Poster an sich. Wenn es einen Beschluss gäbe oder eine Mehrheitsentscheidung – oder hätte es überhaupt einmal eine Anfrage gegeben, ob man das Poster nicht abnehmen könne, wäre es keine Aufregung und auch keinen Blogpost wert. Allein die Tatsache, dass eigenmächtig gehandelt wird, dort, wo es einem gerade passt, macht es jedoch zu einem Thema – einem Thema, das nicht unbedingt für das Alster Dojo spricht. Das Poster (vermisstes Corpus Delicti siehe oben links) ist keinesfalls „so obszön“, dass es umgehend entfernt werden muss. Auch entspricht es nicht dem Tatbestand der Beleidigung. Und bislang kenne ich auch nicht den Teil der Vereinssatzung der besagt: Du sollst keine indischen Poster aufhängen. Darüber hätte man reden können.

Stattdessen wurde hier Privateigentum entfernt, ohne dass die Besitzer davon benachrichtigt wurden. Das legt für einen Bürokraten folgende Tatbestände nahe:

1. Enteignung: Eigentumsentzug mit Entschädigung
„Als Begründung der Enteignungen aus verkehrstechnischen, militärischen und anderen in den Staatsaufgaben liegenden Gründen wird ein übergeordneter, dem Allgemeinwohl dienender Zweck angeführt.“

2. Konfiskation: Eigentumsentzug ohne Entschädigung
“ In Unrechtsstaaten und in revolutionären Situationen erfolgt die Konfiskation oft ohne jede Rechtsgrundlage, nur auf Grund der Macht des Staates oder der Revolutionäre.“

3. Diebstahl
„Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

4. Unterschlagung
„Vielmehr können komplett wertlose bewegliche Sachen unterschlagen werden, solange sie nur fremd sind, d. h. nicht im Allein- oder Miteigentum des Täters stehen und nicht herrenlos sind.“

5. Gebrauchsanmaßung
„Die unberechtigte Nutzung von beweglichen Sachen bezeichnet. Das heißt, eine Sache wird nur unberechtigt benutzt, aber später wieder zurückgebracht. […] Gleichwohl ist die Gebrauchsanmaßung zivilrechtlich als Eigentumsverletzung rechtswidrig.“

Wenn man schon in einem überbürokratisierten Verein organisiert ist, sollte man selbe Bürokratie doch wenigstens bemühen und nicht nach Gutdünken über Recht und Unrecht entscheiden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir wollen unser Poster zurück. Unbeschädigt, ungeknickt, in dem Zustand, in dem wir es zurückgelassen haben. Es ist eine Farce, wenn das Aufhängen eines Posters für so viel Wirbel sorgt und sogar in einer Hauptversammlung zur Sprache kommt – und das wird es!

In diesem Sinne: „Man wird ja nicht umsonst ausgepfiffen. Man darf dem Publikum nicht die Gelegenheit dazu bieten, sonst nutzt es sie natürlich.“ (Luciano Pavarotti)

p.s. Alles Kinderkram? Natürlich! Das ist der Punkt.

UPDATE

Das Poster ist wieder da und hängt nun – dank freundlicher Überlassung von S.K. – bei mir im Badezimmer. „Gott“ hat ein paar E-Mails verschickt und plötzlich war das Poster wieder im Büro – unversehrt und ungeknickt. Ich bin immer noch begeistert über so viel Großmut und Weisheit, ein gemopstes Poster wieder zurückzugeben. Ansonsten hätte da auch jede Woche etwas „Unpassendes“ gehangen – lässt sich alles noch steigern. 😉

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