Kishwar Desai: Die Überlebende

Die Überlebende

Ein 14-jähriges Mädchen überlebt als einzige den grausamen Anschlag auf ihre Familie. Doch ist sie vielleicht die Täterin? Sozialarbeiterin Simran Singh ermittelt und stellt schnell fest, dass hier nicht nur Beweise auf dünnem Eis liegen. Der Fall sorgt für einigen Wirbel. Denn das Leben eines Mädchens zählt in Indien nichts – und für einen Sohn würden viele töten…

Buchkritik zu Kishwar Desai: Die Überlebende

Kishwar Desai befasst sich mit den Frauenrechten in Indien. Gnadenlos stellt sie sich in ihrem Krimi „Die Überlebende“ den gesellschaftlichen Verfehlungen eines Landes, das ohnehin zu wenig Frauen hat. Und diejenigen, die nicht bereits als Fötus oder Kleinkind sterben, müssen sich dem strikten Diktat einer von Männern dominierten Gesellschaft unterordnen. Desais Heldin Simran Singh ist Sozialarbeiterin und tut all das, was Frauen im traditionellen Indien nicht tun sollten. Sie widmet sich ihrer Karriere, raucht, trinkt und hat unverbindliche Affären. Sie ist verbittert, hart und leider kein Sympathiecharakter. Es fällt schwer, sich mit ihr zu identifizieren oder sie auch nur zu mögen. Und genau das ist der Schwachpunkt in diesem Buch.

„Die Überlebende“ ist voller Wut und Trauer, prangert schlimmste Verhältnisse an – und bekommt dann eine Heldin, die zwar offensichtlich gegen den Strom schwimmt, aber bei dem kleinsten Widerstand erst einmal nicht weiter nachhakt. Ach so? Ja. Okay. Was ihr fehlt ist der offene Kampfgeist, der sie wirklich zur Heldin machen würde. Sie ist zu nachgiebig und kommt dann lieber ein zweites Mal vorbei, um genauer nachzufragen. Warum? Für Simran Singh benötigt man schon eine hohe Frustrationsgrenze. „Die Überlebende“ ist durch und durch deprimierend und wiederholt sich zudem ständig. Erst wird ein gesellschaftlicher Hintergrund erklärt, dann „entdeckt“ Simran Singn genau diesen Sachverhalt in ihrem Fall ein paar Seiten später. Mühsam.

Wer sich für die Kultur und Gesellschaft Indiens interessiert, der sollte dieses Buch aus eben diesem Grund lesen. Spannend ist der Krimi weniger und wer bereits einiges über den Subkontinent weiß, wird sich hier durchquälen müssen. Grundsätzlich ist die Krimi-Reihe aus Indien um eine Sozialarbeiterin eine schöne Idee – nur hapert es noch an der Umsetzung. Schade.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine vielsagende Pause. Meine Mutter hasste jegliche Bemerkung, die mit dem bewussten Wort in Zusammenhang stand, das mit E anfängt und drei Buchstaben hat. Es erinnert sie daran, dass sie jetzt Babyschuhe für ihre Enkel häkeln könnte, anstatt auf eine fünfundvierzig Jahre alte, Gin saufende, Zigaretten rauchende Renegatin von einer Tochter aufzupassen, die nie erwachsen würde.

Infos zum Buch
Kishwar Desai – Die Überlebende
Reihe: Simran Singh
btv, 2013
978-3-442-74372-8
Auszug: S.80

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