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Schön um jeden Preis – Gebundene Füße

Heutzutage sind sie nur noch bei alten Frauen und meist auf dem Land zu finden: gebundene Füße, auch Lilienfüße oder Lotusfüße genannt. Um möglichst zierliche und spitze Füße zu bekommen, wurden chinesischen Mädchen (meist im Alter von 3-4 Jahren) die vier kleineren Zehen mit Bandagen straff gegen die Fußsohle gebunden. Immer wieder wurde diese Prozedur wiederholt, sodass die Knochen irgendwann brachen und dann noch enger an die Fußsohle gepresst werden konnten – nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern auch gefährlich für die jungen Mädchen. Falsche Schnürung konnte zu solch extremen Verkrüppelungen führen, dass Gehen schier unmöglich wurde.

Lotusfüße als Schönheitsideal in China

Im schlimmsten Fall entzündeten sich die Stumpen und die Mädchen starben an einer Blutvergiftung. Doch auch im besten Fall, wenn ihre Füße die perfekte Form eines Lotus (Goldlotus) hatten und nur ca. 10 cm maßen, so waren ihre Glieder verkrüppelt. Gehen blieb stets schmerzhaft und sie konnten sich nur trippelnd fortbewegen. Und genau dieser Gang war gewollt. Das unsichere hin und her schwanken, das Schwingen der Hüften, galt damals als äußerst erotisch. Zusammen mit den zierlichen Lotusfüßen, die in kunstvoll bestickten spitzen, kleinen Schühchen steckten, sollen diese Attribute einer Frau, die Männer schier verzückt haben. Kaum zu glauben bei deformierten, eitrigen, oft stinkenden Stumpen. Doch der Zustand der Füße eines Mädchens bestimmte ihre Heiratsaussichten. Heiratsvermittler überzeugten sich genau über den Zustand der Zehen, da sie die Mädchen sonst nicht an den Mann bringen konnten.

Lilienfüße als Teil von chinesischen Legenden

Und so wurden gebundene Füße ab dem 11. Jahrhundert in allen Gesellschaftsschichten populär. Nicht nur die Oberschicht gönnte sich diesen Luxus. Auch die Mittel- und Unterschicht derer, die es sich leisten konnten, ihre Töchter nicht arbeiten zu schicken, praktizierte diesen Brauch. Teilweise wurden Mädchen nur kurzzeitig die Füße gebunden, damit sie sich einen Ehemann suchen konnten. Hinterher wurden die ohnehin nicht fest geschnürten Bandagen wieder abgenommen, damit sie wieder Arbeiten konnten. Nur sehr arme Familien versagten sich dieses Ritual, das der Legende nach bereits 500 n. Chr. entstanden sein soll. Ein Qin-Kaiser soll damals Lotusblüten aufgeschnitten und seinen Lieblingsfrauen befohlen haben, darauf zu tanzen. Um auch wirklich nur auf die kleinen Blüten zu treten, sollen die Frauen mit dem Binden der Füße begonnen haben. Es gibt noch andere Versionen der Legende, die den Ursprung im trippelnden Gang sehen, den der Kaiser mit dem Sprießen von Lilien verglichen haben soll.

Lotusschuhe als Kunsthandwerk

Das Binden der Füße wurde so zur zentralen Beschäftigung der jungen Mädchen. Sie mussten nicht nur das Einschnüren der Glieder ertragen, sondern Kunsthandwerksfertigkeiten erwerben, die es ihnen ermöglichten, möglichst feine, bewundernswerte Schühchen herzustellen. Für ihre Hochzeit mussten sie dann auch ein ganz besonders hübsches Paar dieser Lotusschuhe fertigen. Doch nicht allen waren diese eleganten Schühchen vergönnt. Mandschu-Frauen war es verboten die Füße zu binden, um Mischehen vorzubeugen. Somit bestieg dann auch die Mandschu Cixi den kaiserlichen Thron mit großen Füßen. Dafür gab es jedoch auch eine Lösung. Und die kam in Form von “Plateauschuhen”, die unter dem Spann einen kleinen, gebogenen Absatz besaßen und ihre Trägerin ebenfalls nur kleine, trippelnde Schritte machen ließ. So musste auch Cixi nicht auf den erotisierenden Gang verzichten.

Gebundene Füße werden in China untersagt

Mit dem Sturz des letzten Kaisers wurde das Binden der Füße zwar offiziell untersagt, wurde aber teilweise noch bis in die 30er Jahre fortgeführt. Die befreiten Füße bereiteten jedoch genauso viele Schmerzen, wie die eingebundenen. Teils wurden die Glieder hier erneut gebrochen, blieben aber natürlich verkrüppelt. Der Brauch wurde endgültig mit der Gründung der Volksrepublik 1949 verboten. Inzwischen sind Lotusschuhe rar geworden. Die letzte Fabrik, die Lotusschuhe produzierte schloss 1988 in Harbin. Lediglich auf Märkten sind sie für den einen oder anderen Touristen ein echtes Souvenir-Highlight. Im modernen China werden sie nicht mehr gebraucht. Das Brechen der Knochen ist jedoch immer noch nicht gänzlich unpopulär: So zählen Beinverlängerungen in der VR zu den beliebtesten Schönheitsoperationen.


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Redakteurin mit dem gewöhnlichsten Namen der Welt, daher auch viel mit Autorennamen unterwegs. Bloggerin, Asiennerd, Web-Samurai & Wort-Schubserin.

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