Wang Anyi - Zwischen Ufern

Zwischen Ufern

Mi Nis Eltern flüchten nach Hongkong und lassen die Kinder bei der Großmutter in Shanghai. Eine Schande im kommunistischen China. Während der Kulturrevolution wird Mi Ni aufs Land verschickt und trifft auf dem Heimweg die Liebe ihres Lebens. Doch ihr Glück wird von Schicksalsschlägen überschattet. Ihr Liebster muss ins Umerziehungslager, Mi Ni selbst ist schwanger und gerät auf die schiefe Bahn. Der Sohn wird zum Satansbraten, ihr Mann ist im Zuhältermilieu unterwegs. Und schließlich trifft auch Mi Ni eine schwerwiegende Entscheidung…

Kritik zu Wang Anyis „Zwischen Ufern“

Skandalös! Als „Zwischen Ufern“ in China erschien, wurde er vor allem aufgrund seiner freizügigen Protagonistin scharf kritisiert. Mi Ni, so auch der Titel der chinesischen Originalausgabe, schlägt ein Leben als Diebin und Prostituierte ein. Wirklich geplant ist dieser Weg nicht, aber als es so kommt, leistet sie auch keine Gegenwehr. Für eine inspirierende Heldin zeigt sie zu wenig Eigeninitiative. Zu lange wird ihr Leben von der Liebe ihres Lebens bestimmt, einem Mann, der außer schönen Worten nichts an Persönlichkeit zu bieten hat. Sie ist emotional abhängig und reflektiert nicht. Stilistisch wird die Geschichte allerdings sehr nüchtern erzählt. Zudem wirkt die Übersetzung recht altbacken.

Dennoch ist Wang Anyis „Zwischen Ufern“ ein wichtiges Stück chinesische Literatur. Denn hier werden bereits Anfang der 90er Jahre gesellschaftliche Umwälzungen beschrieben, die zu der Zeit noch tabu waren. Liebe, Sexualität, Selbstbestimmung der Frau — Emanzipation ist hier noch Neuland. Damit steht Wang Anyi am Anfang der bekannten weiblichen Shanghaier Schriftstellerinnen, die, wie später Wei Hui oder auch Mian Mian, ein neues weibliches Lebensgefühl vermitteln und damit in der literarischen Welt provoziert haben.

Wer sich daher für chinesische Literatur und Frauenliteratur im Speziellen interessiert, für den ist Wang Anyi auf jeden Fall empfehlenswert. Wer eine moderne, schöne, stilsichere Geschichte möchte, wird sich bei „Zwischen Ufern“ wahrscheinlich langweilen.

Sie gingen in das Gasthaus, in dem der Fremde wohnte. Kaum hatten sie sein Zimmer betreten, kam er auch schon zur Sache. Er konnte es kaum abwarten. Mi Ni wehrte sich nicht, es erregte sie, wie er es mit ihr machte. Sie verbrachten die halbe Nacht zusammen. Als sie sich trennten, steckte er Mi Ni einige Dutzend kuai in die Tasche: „Für einen Mitternachtsimbiß.“ Mi Ni lächelte kühl, sie verstand.
Als sie und der Stoppelköpfige sich wiedersahen, erwähnten sie Mi Nis Nacht mit dem Unbekannten mit keinem Wort. Steif gingen sie ein Stück Wegs nebeneinanderher. Als er mit ihr schlafen wollte, wehrte sie scheinbar ab: „Wenn du auf Profit aus bist, solltest du etwas sparsamer sein: Weniger selbst essen und mehr verkaufen.“

Infos zum Buch
Wang Anyi – Zwischen Ufern
edition q Verlags-GmbH Berlin, 1997
3 86124 307 5
Auszug: S.182

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