Ich bin China - Guo Xiaolu

Ich bin China

Die schottische Übersetzerin Iona ist nach London geflüchtet, um der Spießbürgerlichkeit ihrer Jugend zu entfliehen. Sie betäubt sich mit flüchtigem Sex und Großstadtatmosphäre. Doch dann erhählt sie einen ganz besonderen Auftrag: Sie soll für einen Verlag Briefe, Tagebucheinträge und Notizen aus dem Chinesischen übersetzen. Damit begegnet sie Jian, der als Teenager die Studentenproteste in Peking miterlebte und vor dem Staat ins Ausland fliehen musste. Und Iona erfährt von Mu, Jians großer Liebe, die er zurücklassen musste. Kann Iona beide wieder vereinen?

REVIEW zu „Ich bin China“

Xiaolu Guos „Ich bin China“ ist höchst ambitioniert – zu ambitioniert. Die chinesische Schriftstellerin, die inzwischen in England lebt, erzählt hier einerseits die Geschichte einer Liebe, die zwischen Politik und Idealismus gefangen ist. Mu und Jian gehen sehr unterschiedlich damit um, ob man sich dem Regime zum eigenen Wohl anpassen sollte oder nicht. Sie werden getrennt und müssen entscheiden, ob ihnen die Politik oder die Liebe wichtiger ist. Und dieser Erzählstrang ist wunderschön poetisch und emotional umgesetzt.

Doch dabei bleibt es leider nicht. Gleichzeitig prangert Xiaolu Guo die Versessenheit der westlichen Medien mit „heißen Themen“ an – mit Themen, die sie verkaufen können. Die Geschichte, die für den Verlag zählt, der die chinesischen Dokumente übersetzen lässt, ist nicht etwa die des Paares. Es zählt allein der „Dissident“, der die Studentenproteste miterlebt hat.

Und Xiaolu Guo erzählt noch eine weitere Geschichte in „Ich bin China“: die der Übersetzerin Iona. Von der Kleinbürgerlichkeit ihrer Jugend von einem One-Night-Stand zum nächsten getrieben, bleibt am Ende nur eine Frau, die aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen als Gegenpol zu Mu und Jian aufgebaut werden soll – und dennoch keinerlei Eindruck hinterlässt.

„Ich bin China“ ist zu konstruiert, hat zu viele nicht komplett ausgearbeitete Nebenschauplätze und verpasst die Chance, mit dem zu glänzen, womit Xiaolu Guo so viele Fans gewonnen hat: emotionale, dichte Beziehungsgeschichten. Wirklich schade. „Ich bin China“ ist garantiert nicht das beste Buch von Xiaolu Guo, aber auch nicht das schlechteste und hat durchaus einige interessanten Facetten.

Jian, Deine Stimme spukt mir ständig im Kopf herum. Ist Amerika so, wie wir es uns immer vorgestellt haben?, höre ich Dich fragen. Na ja, alle Klischees in diesem Land der lebendig gewordenen Klischees sind wahr. Aber das sind sie vielleicht nur, weil die Menschen es gar nicht anders wollen. Es ist wie mit Ideologien: Man soll etwas glauben und für alle Zeit an diesem Glauben festhalten. In Amerika geben sie dir das Gefühl, dass du wichtig und mächtig werden kannst, wenn du nur dein Ziel fest im Auge behältst und dein ganzes Leben darauf ausrichtest. Das vielleicht der größte Unterschied zu China: Wir ackern unser Leben lang wie die Büffel, und es wird trotzdem nichts aus uns.

Ich bin China

Xiaolu Guo
Knaus, 2015
978-3-8135-0607-5
Auszug: S.167

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