Mai Jia: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Er wird zu Chinas berühmtesten Kryptografen. Doch als Rong Jinzhen geboren wird, steht ihm zunächst ein ungewisses Schicksal bevor. Der Junge mit dem großen Kopf lebt in seiner eigenen Welt und wirkt irgendwie koboldhaft. Doch bald wird klar, dass er gewisse Talente seiner Familie geerbt hat. Und die besteht aus großen Mathematikern. Jinzhens Genie bleibt nicht lange unbemerkt und schon bald findet sich das Zahlen-Genie beim Geheimdienst wieder…

Kritik zu Mai Jia „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“

Mai Jia hat Spionageliteratur in China erst richtig populär gemacht. Mit „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ erzählt er die Geschichte des Verschlüsselungsexperten Rong Jinzhen, der autistische Züge aufweist und äußerlich eine eher bizarre Erscheinung macht. Die Familienchronik dieses Mathematik-Genies erweist sich als ebenso skurril mit einer Urgroßmutter, die sich auf Traumdeutung stützt und einem Vater, der ein wahrer „Teufelskopf“ ist. „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ führt ihn in die Welt der Kryptografie, wo er mit einem polnischen Juden einen Mentor und potentiellen Gegenspieler bekommt. Codes wollen erschaffen und entschlüsselt werden. Doch das birgt ein hohes Risiko: Denn wer sich so tief in die Welt der Zahlen vergräbt, dem droht der geistige Kollaps.

„Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ befasst sich zwar mit Spionage im weiteren Sinne, ist aber vornehmlich die psychologische Studie eines Außenseiters. Dabei bedient sich Mai Jia dem Reportageformat und lässt Interviews mit einfließen. Allerdings ist das China, was Mai Jia hier in den 50er Jahren zeigt, wesentlich konformer und weltoffener als es das tatsächlich war. Die großen gesellschaftlichen Änderungen dieser und folgender Jahre sind größtenteils einfach nicht präsent. Mai Jia konzentriert sich ausschließlich auf seinen Protagonisten und die Welt, die damit explizit verknüpft ist. So sind auch die Jahre der Kulturrevolution nur eine kleine Randnotiz, die als Episode auch weniger parteikritisch ist.

Dafür schreibt Mai Jia sehr detailliert, analysiert genau die Wesenszüge seiner Protagonisten und das ist es, was diese Geschichte so lesenswert macht. Emotional geht er leider — gerade zum Schluss — jedoch nicht weit genug, bricht ab. Das Ende kommt allzu schnell und erwartet. Hier fehlt der Tiefgang. Dennoch eine fesselnde Lektüre — auch ohne Spionage und ohne Thriller.

Für Fans von Yu Hua und Su Tong.

Es war Code PUPUR, der den Schachidioten krangemacht hatte, oder besser gesagt, der unbekannte Mathematiker, der das Verschlüsselungssystem entwickelt hatte. Dass die anderen nicht dasselbe Schicksal ereilte, lag nicht an ihrer mentalen Stärke, sondern daran, dass sie zu feige — vielleicht auch zu klug — waren, um sich mit PUPUR zu befassen. Die Finger davon zu lassen, war nicht mehr als ein Zeichen ihres guten Gespürs. PUPUR war eine Falle, ein tiefes, dunkles Loch, das ein vernünftiger Mensch meiden sollte wie die Pest. Der Einzige, der so dumm gewesen war, nicht lockerzulassen, war darüber wahnsinnig geworden.

Infos zum Buch
Mai Jia – Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015
978-3-421-04671-0
Auszug: S.187
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