shanghai-tango

Jin Xing wird 1967 in Shenyang (Provinz Liaoning, V.R. China) geboren. Der kleine Junge bereitet seinen Eltern jedoch so einige Sorgen: Anstatt wie es sich gehört zu raufen und fleißig zu lernen, flechtet Jin Xing lieber die Haare der Tante und tanzt mit der Grazie eines Mädchens. Sein Talent fällt selbst der Armee auf und so erhält er dort eine klassische Tanz- und Soldatenausbildung. Jin Xing sticht heraus: Sein feminines Äußeres zieht genauso an, wie seine ausgezeichnete Technik. Auf einer Fortbildung in Hongkong beginnt sein Traum von der großen Karriere und er gewinnt ein Stipendium für eine Weiterbildung in den U.S.A. Dort verliebt er sich zum ersten Mal in einen Mann und er begreift immer mehr, dass sein Körper nicht mit seinem Selbstempfinden übereinstimmt. Nach seiner Rückkehr nach China unterzieht Jin Xing sich einer Geschlechtsumwandlung – der ersten in ganz China…

Kritik / Review

Die Geschichte von Jin Xing ist genauso ungewöhnlich wie beeindruckend. Ein kleiner Junge träumt vom Leben einer Tänzerin, verfolgt eine Armeekarriere und beschreitet Wege, die vor ihm noch keiner gegangen ist. Er brilliert in jeder möglichen Tanzform, widersetzt sich geschickt seinen Vorgesetzten und reist unerlaubt ins Ausland. Er verliert beinahe ein Bein und macht zahlreiche homosexuelle Erfahrungen.

Erstaunlich ist die Toleranz, der er begegnet und die wohl nur im Künstlermilieu in dieser Form zu finden ist. Dennoch drängt sich dem Leser die Frage auf, ob Jin Xing nicht einige Details ausgelassen hat. Vor allem die chinesische Gesellschaft wird hier sehr weichgespült präsentiert – was allerdings bei diesem Buch weniger ins Gewicht fällt, da Jin Xings Erfahrungen sehr persönlich und individuell beschrieben werden. Doch wer jetzt voyeuristische Einblicke befürchtet, kann beruhigt werden. Jin Xings Ausflüge in Schwulenbars und sein/ihr Liebesleben werden stets diskret behandelt, ohne sie dabei zu übergehen. Lediglich die Bewunderung, die Jin Xing für Jiang Qing, Madame Mao, hegt und ganz am Ende anreißt verwundert und wirkt in dem Zusammenhang ein wenig skurril – auch wenn man sich nicht für Politik interessiert.

„Shanghai Tango“ lässt sich einfach und schnell lesen und ist auch eine wunderbare Geschenkidee für Leseratten, die bereits alles besitzen.

In dieser Bar gibt es einen speziellen Code für Kunden: Wenn man einen Asiaten sucht, sagt man, man wolle Reis; wenn man einen Weißen vorzieht, wünscht man Kartoffeln. Natürlich weiß ich beim ersten Mal noch nichts davon.
Ich stoße die Tür auf. Bald nähert sich mir ein Amerikaner, arrogante Haltung, verschwörerischer Ton: «Magst du Reis oder Kartoffeln?»
Ich wusste gar nicht, dass es in dieser Bar etwas zu essen gibt!
«Ich mag gern Kartoffeln», sage ich in aller Unschuld, «aber Reis esse ich jeden Tag.»
Er verdreht dramatisch die Augen.
«Komm wieder, wenn du dein Identitätsproblem gelöst hast!»
Mit diesen Worten und einem aufreizenden Hüftschwung entfernt er sich.

Geeignet für: Tanz- und Biografiemuffel

Einschätzung: Ungewöhnliche Einblicke im Schongang

[xrr rating=3.5/5]

© Quelle
Shanghai Tango – Mein Leben als Soldat und Tänzerin
Jin Xing / Catherine Texier
Blanvalet, Hardcover, 2005
3 7645 01269
Auszug: S. 102 / 103

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