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Nanking Requiem

Nanking 1937: Die japanische Armee richtet ein Massaker unter der chinesischen Bevölkerung an, während einige Ausländer die Stellung halten und alle Kräfte aufbieten, um die Not ein wenig zu lindern und Schutz zu bieten. Darunter: die amerikanische Missionarin Minnie und der Deutsche John Rabe. Minnie leitet ein College und verwandelt dieses trotz jeder Menge Widerstand in ein Flüchtlingslager für Frauen und Kinder. Doch schon sehr bald stößt sie an ihre Grenzen und droht, an dem Geschehen zu zerbrechen…

Das Massaker von Nanking ist eines dieser furchtbaren Ereignisse, die sich tief in das chinesische Unterbewusstsein eingebrannt haben und auch heute noch die chinesisch-japanischen Beziehungen strapaziert. Das liegt u.a. daran, dass es ein „Massaker“ für viele Japaner nie gegeben hat. Ich habe selbst einen Japaner kennengelernt, der versucht hat, mich davon zu überzeugen, dass all die Aufzeichnungen, die Fotos, die Augenzeugenberichte, gefälscht seien. Es ist also ein heißes Thema, dass Ha Jin hier in „Nanking Requiem“ verarbeitet.

Ha Jin erzählt die Geschichte einer amerikanischen Missionarin und stützt sich dabei auf Tagebucheinträge und Zeitdokumente. In erster Linie ist „Nanking Requiem“ tatsächlich die Geschichte einer Frau, nicht eines Massakers. Daher ist das Buch vergleichsweise „sanft“. Vieles entgeht dem Auge der Missionarin und auch die Schilderungen der Kriegsverbrechen sind „relativ“ zurückhaltend – auch wenn die Ereignisse natürlich an sich ohne Frage erschreckend sind. Wer dagegen Iris Changs Sachbuch „Die Vergewaltigung von Nanking“ kennt, wird „Nanking Requiem“ als „weichgespült“ empfinden.

Das Buch ist ein recht sachlicher Bericht aus den Augen einer chinesischen Mitarbeiterin von Missionarin Minnie und damit sehr verhalten. Ungewöhnlich für Ha Jin, der bekannt ist für seine beißende Gesellschaftskritik und seinen lebendigen Erzählstil. Daher war „Nanking Requiem“ für mich auch sehr enttäuschend. Sicherlich bietet das Buch gewisse persönliche Einblicke in diese Tragödie, doch vom erzählerischen Standpunkt gesehen, bleibt Ha Jin weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

„Nanking Requiem“ lässt sich zwar flüssig lesen, ist aber auf keine Weise irgendwie herausragend oder emotional ergreifend. Viele Charaktere bleiben blass. Der größte Schwachpunkt meiner Meinung nach: die Erzählerin. Sie ist zu neutral und stellenweise auch einfach unsympathisch. Solch einer Figur bedingungslos zu folgen, fällt schwer. Für Menschen, die sich dem Thema „Nanking Massaker“ erstmalig annähern wollen, ist „Nanking Requiem“ durchaus ein guter Einstieg. Zudem spricht das Buch vor allem Frauen an. Anderen muss ich leider von „Nanking Requiem“ abraten. Ich würde es nicht noch einmal lesen – auch, wenn es grundsätzlich nicht schlecht ist.

Wir schwiegen eine Weile, dann sagte sie: „Historische Ereignisse sollten wahrheitsgemäß dokumentiert werden, damit wir uns ohne Zweifel und Kontroversen an sie erinnern können.“
Ich erwiderte nichts, denn wie ich wusste, ärgerte sie sich insgeheim über den chinesischen Hang zum Vergessen, der seinerseits auf der Einsicht beruhte, dass nichts wirklich von Belang war. Letztlich ging doch alles in Sgaub und Rauch auf – selbst Erinnerungen verblassten. Diese Einstellung mochte von tiefer Erkenntnis zeugen, vielleicht entzogen sich viele Chinesen durch die angebliche Vergesslichkeit aber auch bloß der Verantwortung und Auseinandersetzung.

Geeignet für: den sanften Einstieg in ein grausames Thema

Einschätzung: Frauengerecht aufgearbeiteter Bericht mit einigen interessanten Einsichten

[xrr rating=2.5/5]

© Quelle
Verlag: ullstein
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 2011
ISBN: 978 3 550 08890 2
Auszug: S. 116

Infos zum Buch
Titel: Nanking Requiem
Autor/in: Ha Jin
Genre: Roman
Thema: Geschichte / Krieg / Gesellschaft
Kategorie: Buchkritik / Japan / China

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