Ha Jin: Im Teich

Shao Bin, Fabrikarbeiter und verhinderter Maler, verlangt nicht viel vom Leben: Alles wonach er strebt ist eine neue Wohnung. Und als dieser Traum endlich greifbar nah scheint, wird er von seinen korrupten Chefs übergangen und „seine“ Wohnung einem anderen zugeteilt – schon wieder! Unwillens, diese Ungerechtigkeit hinzunehmen, und beseelt vom kreativen Geist der Gerechtigkeit, zettelt Bin einen Streit mit den ihm nicht wohl gesonnen Führungskadern an, der bald zu einem Krieg eskaliert und sich schwerlich noch stoppen lässt.

REVIEW zu „Im Teich“

Urkomisch, bissig und einfach brillant erzählt Ha Jin („Warten“, „Verrückt“) diese sozialkritische Geschichte. Mit Shao Bin ist ihm dabei ein einzigartiger Charakter gelungen, der stur wie ein Maulesel erst ungerührt auf seinem Platz verharrt, kaum in Bewegung gekommen aber nicht mehr zu stoppen ist; unglaublich, wie sich beide Parteien gegenseitig reizen, anstacheln und bekämpfen. Da fällt einem sogleich so mancher Nachbarschaftsstreit ein – an dieser Stelle ein Gruß an Regina Zindler! Und so bleibt nach „Im Teich“ die Erkenntnis, dass so mancher Lehrer oder Chef sich genau überlegen sollte, wen er zu seinem Günstling macht und wen nicht – der unliebsame Nicht-Günstling könnte sich als äußerst kreativ und zäh erweisen, um zu seinem Recht zu kommen.

Bin rührte sich nicht von der Stelle. Ma bückte sich und kniff ihn in die Wange, was Bin nur ein weiteres Stöhnen entlockte. Zum Erstaunen der Umstehenden kauerte sich Liu daraufhin rittlings über Bins Kopf und presste seinen dicken Hintern auf dessen Gesicht. «Also gut», sagte er, «dann drücke ich dir eben hier und jetzt die Luft ab.»
Unter Lius Gewicht brach Bins Brillengestell entzwei, und die Gläser fielen auf den Zementboden. Sofort zermalmte Ma sie unter seinen Lederabsätzen. Bin, der keine Luft mehr bekam, wurde still. Seine Glieder fühlten sich so schlaff an, als gehörten sie nicht länger zu ihm. Lius Hinterteil stank nach Zwiebeln und war so schwer, dass Bin meinte, jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren, wenn er nicht sofort handelte. Er ruckte mit dem Kopf und biss kräftig zu.

Geeignet für: Selbstgerechte Bürokraten und kreative Gerechtigkeitskämpfer

Einschätzung: Wahnwitzig witzig!

© Quelle
Im Teich
Ha Jin
DTV Premium, 2004
9 783423 243728
Auszug: S.215/216

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