Su Tong: Die Opiumfamilie

Die Opiumfamilie

Die Kinder des Großgrundbesitzers Liu scheinen allesamt verflucht zu sein. Einzig und allein der fünfte Sohn, Yanyi, überlebt -doch auch in ihm fließt das böse Blut der Familie. Unfähig das Gut zu leiten, bringt er meist nur zwei Sätze hervor: «Ich habe Hunger.» und «Ich werde dich umbringen.» Als dann der Vorarbeiter Chen Mo die Frau seines Chefs schwängert und der vermeintliche Sohn Lius gesund zur Welt kommt, scheint ein Erbe gefunden zu sein, der sich um die Mohnfelder kümmern kann. Doch auch das Kuckuckkind Chencao, verführt vom betörenden Duft des Schlafmohns, kann das Schicksal nicht zu Gunsten von Liu ändern. Die Kommunisten rücken in das Dorf vor und Chen Mo nutzt die Gelegenheit, um Rache an der Liu-Familie zu üben. Doch dann stellt sich sein eigen Fleisch und Blut gegen ihn.

„Die Opiumfamilie“ ist eine typische Su Tong-Erzählung mit viel Tragik und Gewalt; nicht so eindringlich wie „Reis“, aber dennoch bedrückend realistisch. Auch wenn sich die Geschichte wieder den düsteren Seiten der Menschheit widmet, wirkt sie weder plakativ noch undurchdringlich. Fesselnd und voller Kraft reißt Su Tong den Leser in einen Strudel voll Hass und Begierde. Wie für „Reis“ gilt auch hier: Empfindliche Gemüter werden mit der sehr unverblümten Sprache und der Gewaltbereitschaft der Protagonisten vielleicht ein Problem haben, aber der Gesamteindruck des Romans wird die meisten Kritiker wieder versöhnen, da Su Tong ein wirklich fesselnder Erzähler ist. Fazit: „Die Opiumfamilie“ -ein Buch, das man nur schwer wieder weglegen kann.

Chencao öffnete die Tür und blieb im Eingang stehen. Er roch den Duft des Schlafmohns, der in schweren Schwaden über den Hof zog. Aus dem hinteren Hof hörte man den Klang der großen Messer, mit denen Stängel, Blüten und Blätter voneinander getrennt wurden. Chencao strich sich über die Stirn und lächelte. Mir ist nicht schwindlig. Mir ist überhaupt nicht schwindlig. Er wusste nicht, wann genau dieser gewaltige Wandel eingetreten war. Er dachte: Vielleicht ist es ja gut, das mir nicht schwindlig ist.

Sein Vater kam mit einer Handvoll Opiumpulver aus der Scheune und hielt es ans Licht, um die Qualität zu prüfen. Sein Gesicht trug einen ernsten, strengen Ausdruck, als hielte er eine heilige Flamme in den Händen. Chencao dachte: Vielleicht ist das Pulver, das mein Vater in den Händen hält, wirklich eine heilige Flamme, die uns alle am Leben erhält. Nach einem Jahrhundert des Hungers ernährt sie heute Fengyang, und sie ernährt auch mich. Aber ich bin immer noch verwirrt.

Geeignet für: Suchtnaturen und Liebhaber düsterer Familiengeschichten

Einschätzung: Ein Star der chinesischen Literaturszene!

Autor/in: Su Tong

© Quelle
Verlag: Rowohlt
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 1998
ISBN: 3 498 06329 4
Auszug: S. 59
Infos zum Buch
Titel: Die Opiumfamilie
Autor/in: Su Tong
Genre: Roman
Thema: Familie / Schicksal
Kategorie: Buchkritik / China

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