Die namenlosen Töchter

Die namenlosen Töchter

Die Bauernfamilie Li lebt in der tiefsten Provinz und muss jede Menge Spott ertragen: Kein einziger Sohn wurde ihnen beschert. Lediglich sechs Töchter konnte Vater Li zeugen – eine Schande, die er durch geschicktes Verheiraten der Töchter zumindest ein wenig wieder wettmachen will. Doch die Töchter, die noch nicht einmal Namen haben, wollen sich nicht an verkrüppelte, alte Männer verheiraten lassen. Nachdem sich eine Tochter bereits umgebracht hat, flieht Drei mit Hilfe eines Onkels in die Stadt und findet dort Arbeit. Mit ihrem Verdienst verblüfft sie die ärmlichen Dörfler so sehr, dass ihr ein Jahr später auch ihre jüngeren Schwestern Fünf und Sechs folgen dürfen. Doch das Stadtleben birgt einige Tücken und nicht überall sind die Menschen den Landmädchen wohl gesonnen.

Xinrans Roman über arme Bauernmädchen, die ihrer Familie noch nicht einmal einen Namen wert sind und lediglich mit Nummern bedacht werden, ist ein simples und dennoch sehr eindrucksvolles Porträt der chinesischen Gesellschaft. Lebendig und anrührend erzählt Xinran die Geschichte dreier Schwestern, die als «Stäbchen» in die Stadt gehen und als «Stützbalken» in ihr Heimatdorf zurückkehren. Und obwohl es zunächst scheint, als könnten die drei Mädchen etwas bewirken, ist die Realität jedoch ernüchternd – lediglich solange sie reichlich Geld nach Hause bringen wird ihnen temporär ein gewisses Ansehen gegönnt. Dennoch verläuft die Geschichte der drei Mädchen, ihrer Familie und ihren Arbeitgebern sehr erfreulich – im Gegensatz zu den vielen Wanderarbeitern, die nicht das Glück mitfühlender und einflussreicher Zufallsbekanntschaften hatten. Also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber dennoch ein kleiner Einblick in eine sich so rasant verändernde Gesellschaft. Lediglich die Verwirrung der Übersetzerin bezüglich der Figurennamen trübt das Lesevergnügen ein wenig.

Um je weniger die Menschen sich Sorgen machen müssen, umso besser. Sie sind zwar arm, aber sie leben friedlich. Sie machen keine Scherereien, das ist das Wichtigste überhaupt. Hör mal zu, wenn alte Männer über den Kampf gegen die Japaner oder über die Revolution sprechen, oder hör die an, wie ihre Söhne sich an den «Großen Sprung nach vorn» und an die Kulturrevolution erinnern: Sobald irgendeiner etwas anzettelt, leiden die Bauern. Diese vielen wirtschaftlichen Veränderungen beispielsweise -ich gehe jede Wette ein, dass dadurch alles nur noch schlimmer wird. Wer bestellt denn das Land, wenn alle weg sind, um Geschäfte zu machen? Und glauben wir wirklich, wir könnten die Ausländer in ihrem eigenen Spiel besiegen? Kaum hatte der Boxeraufstand begonnen -meines Wissens, weil die Chinesen ein besseres Leben haben wollten – , schlugen die Ausländer in diesem Dorf mehr als ein Dutzend Köpfe ab! Nein, solange die Tage friedlich verlaufen und wir Essen und Kleidung haben, machen wir besser keine Scherereien. Ich sage dir: Behalte das, was du lernst für dich. Geh weg von hier, wenn du kannst, und such dir außerhalb des Dorfs einen Ehemann. Wenn du es nicht schaffst wegzugehen, dann lebe dein Leben in Armut, aber friedlich. Glück besteht darin, das eigene Schicksal anzunehmen…

Geeignet für: Freunde anrührender Familiengeschichten

Einschätzung: Wenn Essstäbchen zu Dachbalken werden…

[xrr rating=3.5/5]

Autor/in: Xinran

© Quelle
Verlag: Knaur
Ausgabe: Hardcover
Jahr: 2007
ISBN: 978 3 426 19772 1
Auszug: S. 252

Infos zum Buch
Titel: Die namenlosen Töchter
Autor/in: Xinran
Genre: Roman
Thema: Gesellschaft / Frauen / Schicksal
Kategorie: Buchkritik / China

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