Kathryn Harrison: Die gebundenen Füße

Die gebundenen Füße

Shanghai Ende der 70er: Die kleine May muss sich dem Willen der Großmutter beugen und bekommt als Kind die Füße gebunden. Ihre perfekten Lotusfüße machen sie zur guten Partie und so wird May wenige Jahre später verheiratet. Doch die Qualen haben sich nicht gelohnt. May flieht schließlich aus einer brutalen, lieblosen Ehe und wird zur Prostituierten. Erst als sich ein Ausländer in sie verliebt, scheint sich ihr Schicksal zu wenden…

Buchkritik zu: Die gebundenen Füße

Der Titel des Buches ist ein wenig irreführend. Denn „Die gebundenen Füße“ handelt nur nebensächlich von Lotusfüßen und den Qualen, die Frauen dadurch ertragen mussten. Es ist zwar Teil von Mays Geschichte, doch der eigentliche Fokus liegt auf dem Leid, mit dem Frauen prinzipiell konfrontiert werden. Daher passt der Original-Titel ‚The Binding Chair‘ auch viel besser.

Die Geschichte ist zweigeteilt. Zum einen wird die Geschichte von May erzählt, die sich stets irgendwie auf der Flucht befindet. China-Fans werden diese Passagen lieben. Andererseits erfährt der Leser die Lebensgeschichte von Mays Nichte Alice, die nach einer langen Reise von China über England in Frankreich landet, flüchtige Affären hat und sich ebenso quält wie ihre Tante.

„Die gebundenen Füße“ von Kathryn Harrison betreibt viel Effekthascherei – mit Erotik, Perversion und düsteren Schicksalsschatten, die man als Leser nicht so ganz nachvollziehen kann. Schade. Denn so wird Kathryn Harrisons Gespür für Exotik und Charaktere unter aufgebauschten Eskapaden begraben. Nicht unbedingt etwas für China-Fans mit Interesse an Hintergründen zu Lotusfüßen… Da gibt es bessere Bücher, wie z.B. „Der Seidenfächer“ von Lisa See.

Arthurs Kopf war glutheiß. Der Gedanke ekelte ihn, doch er hätte den missgebildeten Fuß gerne in den Mund genommen. Ihn verluckt, sie, ganz.
„Dass man mir Unrecht getan hat und ich verkrüppelt und unmoralisch bin?“ May entzog ihm den Fuß, ihre Stimme bebte. Sie hätte den Mann, der vor ihr kniete, schlagen oder sogar beißen können. „Und wenn schon, welchen Rat geben Sie mir? Kann man das hier wieder richten? Reparieren? Ungeschehen machen?“
„Oh, nein. Nein. Nicht!“, sagte Arthur.
„Was!“
„Das sollen Sie nicht.“ Er sah sie an, ihre schwarzen Nasenlöcher waren vor Wut gebläht, die Zähne zusammengebissen, die rot geschminkten Lippen zusammengepresst. Ihre Wange zuckte.

Infos zum Buch
Kathryn Harrison: Die gebundenen Füße
List, 2003
3-548-60298-3
Auszug: S.137

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