China 1935: Julian Bell, der Neffe Virginia Woolfs, tritt seine neue Stelle als Englischdozent an der Universität von Wuhan an. Der Lebemann ist bald fasziniert von der Schriftstellerin Lin, der Frau des Dekans. Er beginnt eine Affäre mit ihr, und sie weiht ihn in die Geheimnisse der taoistischen Liebeskunst ein. Bald merkt Bell, dass Lin mehr für ihn bedeutet als eine flüchtige Liebschaft, doch zögert er noch, sein freies, ungebundenes Leben aufzugeben…

REVIEW / KRITIK

Im ersten Kapitel des Romans erfährt der Leser bereits, wie Julian Bell 1937 in Spanien gewaltsam zu Tode kommt. Der Rest des Buches wird in einem Rückblick erzählt. Das ist eine gute Strategie, denn nur mit der Gewissheit seines nahenden Todes lässt sich das pubertäre, egozentrische Gebaren Julians über die Länge des Romans hinweg ertragen. Diese Darstellung des jungen Engländers als oberflächlicher Dandy könnte man ja noch als Kritik Hongs an männlichem Macho-Gehabe auffassen, doch das Problem ist: Mit der Schriftstellerin Lin wird kein Gegengewicht geschaffen. Die Figur bleibt blass, wird auf ihre Schönheit und ihren unersättlichen Hunger nach Sex reduziert. So bleibt jegliches Mitfühlen des Lesers mit den sich in Leidenschaft verzehrenden Protagonisten aus. Das China der 30er dient dabei lediglich als exotische Kulisse für die Liebesspiele des Paares. Immerhin verströmen einige Passagen des Romans tatsächlich ein wenig Erotik. Richtig ärgerlich ist allerdings, dass Julian immer wieder ebenso infantil wie ausführlich über seine Tante nachsinniert und es einem dadurch für die nächste Zeit gründlich verleidet wird, ein Buch von Virginia Woolf in die Hand zu nehmen.

Dieses Mal waren sie beide wie versunken. Ruhig und still hielten sie einander umfangen. Trotz des Kamins und der Heizung war es nachts doch kühl im Zimmer. Lin wollte sich und ihn immer wieder zudecken, doch er zog die Decke jedes Mal wieder zurück, um Lins nackten Körper zu betrachten. Aus dem Grund ließ er auch das Licht brennen. Er dachte an jene Mädchen in England, die ihm nun wie Kälber vorkamen. Erst wurden sie zu schnell erwachsen, um dann ebenso rasch zu verwelken; im Alter wurden sie entweder zu fett oder zu dürr. Lin hingegen war kurvenreich und schlank zugleich. Er frage sich, wie es den fernöstlichen Frauen nur gelang, beides in sich zu vereinen.
Längst war ihm Lin innig vertraut. Mit nur einem Blick, einer Bewegung, einem Ton konnten sie einander verständigen.
«Erkläre mir», bat Julian sie, «wie ich die Ejakulation verhindern kann.»
Lin legte ihm die Arme um den Nacken und gab zu, dass sie es nicht wisse, da sie kein Mann sei.

Geeignet für: Möchtegern-Casanovas

Einschätzung: Belangloser Exotik-Erotik-Mix

[xrr rating=1.0/5]

© Quelle
Verlag: aufbau
Ausgabe: Taschenbuch
Jahr: 2005
ISBN: 3 7466 2208 5
Auszug: S.104/105

Infos zum Buch
Titel: Die chinesische Geliebte
Autor/in: Hong Ying
Genre: Roman
Thema: Erotik / Exotik
Kategorie: Buchkritik / China
Text: Anne Herskind für DragonViews (2006)

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