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Als zwei chinesische Studenten zur politischen Umerziehung in ein abgelegenes Dorf verbannt werden, finden sie dort eine Welt ohne moderne Technik und kulturelles Leben vor. Doch das Dorf beginnt aufzuleben, als die Studenten private „Filmvorführungen“ veranstalten: Sie werden von dem Dorfvorsteher zu Filmvorführungen geschickt und werden beauftragt diese meist eher unoriginellen Filme vor dem gesamten Dort vorzutragen. Dank ihrer Erzählkunst gelingt es den Studenten, den Dorfvorsteher für sich einzunehmen. Doch dann machen sie einen Fehler: Um die Gunst einer kleinen Schneiderin zu gewinnen, erzählen sie die Geschichten aus «verbotenen» Büchern, zu denen sie auf Umwegen gekommen sind – und der Feind hört mit…

Kritik / Review

„Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ ist ein Feuerwerk an Lebensfreude und eine Hommage an die Literatur. Zwei Landverschickte rebellieren geistig gegen die politische Norm – neugierig, wissbegierig und manchmal tollkühn sichern sich die zwei Freunde einen Koffer voller neuer Ideen und Weisheiten. Und so versuchen sich so auch die Zuneigung eines hübschen Mädchens zu sichern, das bald sehr viel mehr in den Büchern findet, als nur gute Geschichten. Atemberaubend schöne Erzählung und glücklicherweise ohne den Verweis auf das Drei-Schluchten-Projekt, das die Filmadaption aufgreift – der Gedanke ist zwar nett gemeint, aber stört dort den Gesamteindruck. So wie er ist, ist der Roman in sich stimmig, abgerundet und einfach gut. Selten ist Literatur über die Liebe zur Literatur so unterhaltsam!

Wir hielten den Atem an. Mir schwindelte. Ich nahm die Bücher eines nach dem andern in die Hand, schlug sie auf, betrachtete die Porträts der Autoren, reichte sie Luo weiter. Sie mit den Fingerspitzen berühren war, als würde Leben einen durchströmen, andere Leben.
«Ich komme mir vor wie im Film», flüsterte Luo, «wenn die Gangster einen Koffer voller Geldscheine öffnen…»
«Kommen dir auch fast die Tränen?»
«Nein, ich spüre bloß Hass, Hass, Hass gegenüber allen, die uns die Bücher verboten haben.»
Ich fuhr zusammen und schaute mich erschrocken um: Ein Satz wie dieser konnte viele Jahre Gefängnis kosten.

Geeignet für: Wagemutige Entertainer und alle, die nicht nur Fernsehzeitungen lesen

Einschätzung: Einfach genießen!

© Quelle
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
Dai Sijie
Piper, Taschenbuch, 2003
3 492 23869 6
Auszug: S. 110

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